Wenn die Erde wieder atmet
Ein Gedicht von
Max Vödisch
Vielleicht beginnt die neue Welt
nicht dort, wo Macht die Regeln hält,
nicht dort, wo Reichtum Mauern zieht,
und jeder nur den Vorteil sieht.
Vielleicht erwacht sie leis im Herzen,
wo jeder spürt, was wirklich zählt –
ein Leben ohne Siegesschmerzen,
ein Morgen, das die Erde wählt.
Wir warfen Nahrung fort wie Staub,
verbrannten Wälder, stumm und taub.
Wir häuften Dinge, leer und schwer,
und ließen sterben Wald und Meer.
Die Städte wuchsen, laut und blind,
und niemand fragte: „Wer wir sind?“
So trug die Erde unsre Last,
bis sie vor Müdigkeit erblasst.
Doch unter all dem blieb ein Klang,
ein Flüstern, weich wie Frühlingsdrang,
ein Fluss, der bat, ihn klar zu sehn,
ein Feld, das flehte, zu verstehn.
Ein Wald, der schwieg und dennoch stand,
ein Same tief im dunklen Sand,
der ahnte, dass im Schmerz noch blüht,
was sich dem stillen Wandel fügt.
Vielleicht begriffen wir im Dunkeln,
wo unsre eignen Schatten funkeln;
vielleicht erkannten wir im Fehlen,
wie Teilen neues Licht lässt wählen.
Vielleicht begann ein neues Licht,
als einer sprach: „Mehr brauch ich nicht.“
Und plötzlich wuchs aus wenig viel –
ein Herz mit Demut statt Kalkül.
Dann wuchs ein Morgen aus den Tagen,
die einst nur voll von Nehmen waren.
Die Erde heilte ihre Narben
nach all den dunklen, schweren Jahren.
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