Lauf der Zeit

Ein Gedicht von Marcel Strömer
Ich stehe im Schatten der Jahre
und frage unentwegt.
Mein Mund formt Worte,
doch die Antwort bleibt mir schuldig
wie Schrift unter vieler Hände Abrieb.
Alles, was ersteht, neigt sich schon dem Fall,
und alles, was lebt, trägt den Saum des Endes.

Schwer fällt mir der Gang durch diese Welt.
Mit ängstlichem Herzen schreite ich voran,
und jede Stunde liegt mir auf der Brust
wie ein Stein aus fremder Hand.
Ich bestaune das Vergehen
wie ein Mönch die Kerze schwinden sieht
im lähmenden Schweigen der Nacht,
wenn selbst die Kirchturmglocke ruht
und nur das Wachs noch schwach wärmt.

Doch rings um mich herum wandeln Menschen
mit wachen Augen und verschlossenen Seelen.
Sie gieren dem Augenblick entgegen,
als wäre er ein Reich ohne Endlichkeit.
Sie sammeln Kleines mit großer Hast
und nennen es Leben.
Brot, Wort und flüchtige Freude
erscheinen ihnen gewichtiger
als Sinn und Ursprung.

Man spricht zu mir: Sei nützlich!
Man fordert mein willenloses Tun,
doch nicht meine vielen Fragen.
Ich soll Lasten tragen, nicht verstehen.
Doch meine Seele widersetzt sich
wie ein Ross dem falschen Zügel.
Denn mich drängt nicht das Werk,
sondern der Grund des Werkes.

Oh Leben, was verlangst du von mir?
Bist du Prüfung oder Zeichen?
Bist du ein enger Steg
zwischen Geburt und Vergehen,
oder birgst du einen Willen,
der tiefer reicht als Zeit und Lärm?
Sprichst du in Leiden,
weil der Mensch sonst nicht lauscht?

Ich rede mit Menschen
und erreiche sie doch nicht.
Ich höre ihr Stimmengewirr
und nehme sie nicht auf.
Denn das tägliche Reden vom Immergleichen
zehrt an mir wie ein langsamer Fraß.
Diese Worte ohne jedwedes Gewicht
ohne tiefere Bedeutung
machen den Geist krank
und lassen die Seele darben.

So bin ich ein Fremder im Eigenen,
ein Umherirrender ohne Ziel.
Wankelmut und Trotz,
die Zeit trägt mich immer weiter,
weg von mir selbst,
wie ein Rad ohne Rast.
Gestern und Morgen verlieren ihr Maß,
und das Jetzt zerfällt zu Staub.

Ich bin gefangen im Lauf der Stunden,
als hätte jemand die Welt
auf ein verborgenen Rahmen gespannt.
Und mir fehlt die Luft, die Worte
nicht aus Leere,
sondern aus Übermaß.
Denn was in mir ruft,
ist größer als jede Urschrei.

So klage ich gegen Nebelwände,
so tief.
Nicht wider die Welt allein,
nicht wider den Himmel allein,
sondern wider das Rätsel,
das Menschenleben genannt wird.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 03.02.2026]

Informationen zum Gedicht: Lauf der Zeit

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03.02.2026
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