Keinen Tropfen verschütten

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Zwei kleine Stimmen
nennen sie Mama.

Niemand
nennt sie bei ihrem Namen.

Sie trägt den Morgen
wie eine volle Schüssel
durch die dunkle Wohnung.

Keinen Tropfen verschütten.

Brote, Socken, Schlüssel,
zwei müde Kinderkörper,
die noch nach Träumen riechen,
und ihr eigener,
den sie in eine Bluse knöpft.

Auf dem Küchentisch
liegt der Tag in Spalten:
Arbeitsbeginn, Schulschluss,
Kita geschlossen,
Großmutter zu weit weg.

Die Nummer der Nachbarin
liegt schwer
unter ihrem Daumen.

Im Büro leuchtet ihr Kalender rot.
Ein Kollege sagt:
„Du musst das besser organisieren.“

Kein Mensch,
dem sie die Hälfte
dieses Tages geben kann.

Für ihre Erschöpfung
gibt es keinen Schoß,
keine Hand,
die ihr die Nacht abnimmt.

Wenn sie weint,
lässt sie das Wasser laufen.

Die Kinder sollen glauben,
sie spüle nur.
Später schlafen die Kinder
in den Mulden ihrer Arme.

Sie hält still,
damit wenigstens sie
nicht fallen.

Auf der anderen Seite des Bettes
fehlt eine Stimme,
die leise ihren Namen sagt.

Als der Morgen kommt,
steht Mama auf.

Ihr Name
bleibt im Dunkeln zurück.

Wie immer.

Informationen zum Gedicht: Keinen Tropfen verschütten

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19.08.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Chandrika Wolkenstein) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.