Die Welt - ein Wunschzettel

Ein Gedicht von Sonja Dworzak
Es leben in Ländern gar weit verstreut,
einige Herren, von Macht sehr erfreut.
Gewählt, beklatscht, mit sicherem Blick,
sie wissen genau um den eigenen Trick.

Der eine im Westen spricht laut, nicht gewandt,
er baut sich Welten aus Worten und Sand.
Er verspricht seinem Volk das Blaue vom Meer
und glaubt es selbst – vielleicht noch viel mehr.

Er liebt den Beifall, das schnelle Gericht,
doch fragt nach Wahrheit am liebsten man nicht.
Denn wer nur fest genug schreit und steht,
dem folgt man auch dann, wenn der Boden sich dreht.

Ein anderer sitzt fern, im Schatten der Zeit,
spricht selten, doch ist er zur Tat stets bereit.
Er verspricht keine Freude, kein leichtes Gewinn,
nur Ordnung und Stärke – und Schweigen darin.

Und rings um die beiden, die unhörbar grollen,
stehen noch viele, die Macht haben wollen.
Sie nennen die Lüge „Notwendigkeit“
und das Wegsehen schlicht „Besonnenheit“.

Man spottet über sie und lacht sie klein,
beim Fest, beim Umzug, beim Krug mit dem Wein.
Man sagt: „Ach was, das vergeht doch im Nu,
die meinen das nicht so, hör einfach nicht zu!“

Doch Jahre vergingen, ganz leis, ganz sacht,
und manches geschah nicht mehr nur über Nacht.
Versprechen bekamen ein fieses Gesicht,
und Grenzen verschoben sich – sichtbar im Licht.

Da lernt einer spät, was man früh schon verstand:
Der Spott hält nicht auf, was entschlossen geplant.
Man darf sie verhöhnen, die Herren der Zeit –
doch hüten muss man die eigene Wachsamkeit.

SDR

Informationen zum Gedicht: Die Welt - ein Wunschzettel

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07.01.2026
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