Der Mann aus Eisen und Narben
Ein Gedicht von
Marvin Becker
Der Mann aus Eisen und Narben
Es gibt Männer,
die gehen laut durch diese Welt,
mit goldenen Worten auf den Lippen
und Jubel hinter jedem Schritt.
Und dann gibt es jene,
die schweigend durch die Hölle laufen,
deren Siege niemand feiert,
deren Wunden niemand zählt.
Er war einer von ihnen.
Ein Mann,
dem das Leben nicht nur Steine in den Weg legte,
sondern ganze Berge auf die Schultern warf.
Ein Mann,
dem man Stück für Stück alles nahm,
bis kaum noch etwas übrig blieb
außer Herzschlag und Wille.
Die Scheidung riss ihm das Herz aus der Brust.
Nicht nur Liebe ging verloren —
nein,
man entriss ihm seine Söhne,
sein Licht,
sein Zuhause,
den Sinn seiner Tage.
Von einem Augenblick zum nächsten
wurde aus einem Heim
Leere.
Aus Wärme
Kälte.
Aus Familie
Einsamkeit.
Und als wäre das nicht genug,
standen selbst jene nicht an seiner Seite,
die sein eigenes Blut waren.
Geschwister,
die ihn von Anfang an verstoßen hatten,
deren Blicke wie Messer waren,
deren Herzen niemals gönnten,
niemals trugen,
niemals fragten:
„Wie viel Schmerz hält ein Mensch eigentlich aus?“
Sie sahen nur den Mann,
der gefallen war.
Nicht den Kämpfer,
der jeden Morgen trotzdem wieder aufstand.
Denn niemand sah die Nächte,
in denen er gegen seine eigenen Gedanken rang.
Niemand hörte das Zittern seiner Seele,
wenn die Dunkelheit zu schwer wurde.
Niemand bemerkte,
wie oft er innerlich zerbrach,
nur um sich selbst wieder zusammenzusetzen.
Er hatte nie Zeit,
seine Wunden zu lecken.
Kaum hatte ein Kampf geendet,
stand schon der nächste vor der Tür.
Kaum war eine Narbe geschlossen,
riss das Leben sie wieder auf.
Und während andere urteilten,
mit kalten Worten und leichten Meinungen,
wusste niemand,
wie müde dieser Mann wirklich war.
Wie erschöpft seine Knochen waren.
Wie schwer seine Gedanken wurden.
Wie oft er sich heimlich wünschte,
endlich einmal jemanden zu hören, der sagt:
„Es ist okay, schwach zu sein.“
„Ich bin stolz auf dich.“
„Du hast genug gekämpft.“
„Hol Luft.“
„Ruh dich aus.“
„Du musst nicht alles allein tragen.“
Oder jemanden,
der sich schützend vor ihn stellt
und sagt:
„Keine Sorge.
Jetzt kämpfe ich für dich.“
Doch diese Worte
waren für ihn wie Regen ohne Wasser.
Schöne Träume,
die niemals Wirklichkeit wurden.
Und so blieb am Ende
nur ein einziger Mensch übrig,
der ihm Respekt zollte.
Sein Spiegelbild.
Jeden Morgen,
wenn seine müden Augen
dem Mann im Spiegel begegneten,
hörte er leise:
„Ich bin stolz auf dich.“
„Du schaffst das.“
„Du bist aus Grobstahl gemacht.“
„Unverwüstlich.“
Und obwohl seine Hände zitterten,
obwohl seine Seele blutete,
erhob er sich immer wieder.
Denn der Weg eines Kämpfers endet nicht,
wenn er fällt.
Er endet erst,
wenn er liegen bleibt.
Und dieser Mann
hatte gelernt,
dass selbst ein gebrochener Körper
noch eine letzte Kraft finden kann,
wenn das Herz einen Grund hat weiterzuschlagen.
Seine Mutter.
Seine Söhne.
Allein der Gedanke an sie
war wie Feuer in seinen Adern.
Wie Licht in völliger Dunkelheit.
Denn solange er kämpfte,
solange er stand,
waren sie sicher.
Und so zog er weiter,
mit Narben statt Rüstung,
mit Schmerz statt Frieden,
mit letzter Kraft statt Hoffnung.
Er wusste nicht,
wie viel Zeit ihm noch blieb.
Nicht, wie lange sein vom Kampf gezeichneter Körper
noch tragen würde.
Aber eines wusste er:
Lieber stehend sterben
als kniend leben.
Und vielleicht,
irgendwo zwischen all den Schlachten,
zwischen all den stillen Tränen,
zwischen all den Nächten voller Einsamkeit,
wird irgendwann doch jemand vor ihm stehen
und endlich sagen:
„Du hast genug gelitten.“
„Komm her.“
„Jetzt bist du nicht mehr allein.“
Bis dahin
geht der Kämpfer weiter.
Still.
Müde.
Verletzt.
Aber unbezwungen.
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