Das Erbe kann warten.. [Teil 10]

Ein Gedicht von Marcel Strömer
Frau Scherz reibt sich die Augen. Deutschland hat sich einen ordentlichen Winterkuss abgeholt. Schnee und Eis auf den Straßen, klirrende Kälte, dieses klare, fast schneidende Licht am Morgen. Man darf doch auch mal skeptisch sein, denkt sie sich, während sie sich Kaffee einschenkt.

Kaffeetrinker spüren die steigenden Preise inzwischen sehr deutlich. Ob im Supermarktregal oder im Café, ein Cappuccino kostet heute meist zwischen vier und fünf Euro, ein Espresso selten weniger als zweifünfzig. Der tägliche Kaffeegenuss ist für viele zum kleinen Luxusmoment geworden. Auch im Supermarkt zeigt sich die Entwicklung: Gemahlener Markenkaffee liegt inzwischen bei rund zwanzig Euro pro Kilo, Kaffeepads bei etwa fünfunddreißig, Instantkaffee teilweise sogar jenseits der fünfzig Euro pro Kilo. Frau Scherz seufzt kurz, hebt dann die Tasse. Eine heiße Tasse am kalten Morgen, denkt sie, besser geht es trotzdem nicht. Preise hin oder her.

Der Winter hat Deutschland fest im Griff. Schneefall garantiert, das nächste Schneetief aus Italien bereits angekündigt. Allein diese Formulierung bringt sie zum Schmunzeln. Schneetiefs mit Reisepass. Frau Scherz summt leise ein verspätetes Weihnachtslied. Oh du fröhliche. Ironisch natürlich, aber mit Wärme im Ton.

Demnächst stehen Wahlen in Sachsen-Anhalt an. Frau Scherz blickt skeptisch in dieses Zeitfenster. Oh weia. Strukturprobleme, Abwanderung, niedrige Löhne, eine alternde Bevölkerung. Viele fühlen sich abgehängt, nicht gehört. Der Ost-West-Unterschied ist zwar statistisch kleiner geworden, gefühlt aber oft größer. Durchschnittseinkommen und Vermögen liegen weiterhin deutlich unter dem westdeutschen Niveau, Vertrauen in Politik ist brüchig. Wo Unsicherheit wächst, gedeihen einfache Antworten. Frau Scherz weiß das, und genau das macht ihr Sorgen.

Zur Ablenkung läuft abends das Dschungelcamp. Herrlich banal. Da kann sie abschalten. Lachen darf man schließlich noch. Doch dann stolpert sie über den Fall Gil Ofarim. Der öffentliche Umgang damit lässt sie nicht los. Sicher, der Vorwurf war schwer, der Vorfall fatal, das Zurückrudern unerquicklich. Aber die mediale Dauererregung, das genüssliche Ausschlachten, diese moralische Überhöhung, Frau Scherz nennt das beim Namen: Mainstream. Empörung als Geschäftsmodell. Sie denkt sich: Wer von uns hat nicht schon einmal gelogen, aus Angst, aus Überforderung, aus Dummheit. Keine Entschuldigung, aber ein Mensch bleibt ein Mensch.

Kurz darauf googelt sie per Zufall einen Namen. Ein ehemaliger Schulfreund. Kindergarten, Grundschule, Sandkastenzeit. Einer von denen, die einfach da waren. Dann verlor man sich, wie es eben geschieht. Ein knapper Eintrag erscheint. Krebs. Frau Scherz sitzt still da. Dann kommen die Tränen. Keine große Geste, kein Drama. Sie weint um ihn, weil er viel zu früh gegangen ist. Mehr braucht es nicht.

Krebs ist keine Metapher, denkt sie. Es ist eine Krankheit, die nimmt, ohne zu fragen. Sie betrifft alle Schichten, alle Altersgruppen, reißt Lücken in Biografien, Familien, Erinnerungen. Forschung macht Fortschritte, Therapien werden besser, doch die Diagnose bleibt für viele ein Einschnitt, ein Bruch. Frau Scherz leidet mit den einzelnen Schicksalen. Da vergeht ihr jede Ironie. Sie ist dankbar für ihre eigene Gesundheit. Ein paar Zipperlein, ja. Aber nichts Bedrohliches. Das weiß sie zu schätzen.

Bald starten die Olympischen Winterspiele in Italien. Frau Scherz freut sich darauf. Sport als Parallelwelt, als Illusion für ein paar Stunden. Leistung, Fairness, Bewegung. Vielleicht kann sie dort abschalten, ein wenig Abstand gewinnen vom Dauerrauschen der Nachrichten.

Am Ende ist es das, was zählt. Freude. Lachen. Ein echtes Lächeln am Tag. Wer nicht mindestens einmal gelächelt hat, denkt sie sich, hat etwas verpasst. Frau Scherz kneift ihr linkes Auge zu, nimmt Maß, stellt die Tasse ab und schaltet den Fernseher aus.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 28.01.2026]

Informationen zum Gedicht: Das Erbe kann warten.. [Teil 10]

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28.01.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Marcel Strömer) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.
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