Zwischen den Abgründen
Ein Gedicht von
Marcel Strömer
Ganz oben, wo das freie Auge
kühn in des Himmels Bläue schwelgt
und sich der Geist, vom Licht berauscht,
zum Ewigen emporzuschwingen wähnt,
und ganz unten, wo in dumpfer Finsternis
der Mensch sich selbst zum Rätsel wird,
wo Zweifel wie Gewürm am Herzen nagen
und jede Hoffnung matt zusammenbricht,
in diesem furchtbar heiligen Zwischenreich
bewegt sich unser menschlich Los.
Wir hungern nach der Liebe Seligkeit,
als sei sie unsrer Seele Vaterland;
wir dürsten nach dem Blick, der uns erkennt,
nach einem Wesen, das uns ganz umfasst.
Und doch, oh Widerspruch der Schöpfung,
erheben wir die Faust gegeneinander,
zerschlagen Bruderstirnen
für ein wenig Brot und Suppe
als hinge unser Heil an Solchem.
Ehre nennen wir das gnadenlose Gesetz,
das unsre Brust durchglüht;
Stolz sei uns Schild und Zepter,
aufrecht schreiten wir durchs Weltgetümmel,
als wären wir dem Schicksal selbst gewachsen.
Doch wehe!
Wenn die Zeit herniedersinkt
und alles äußre Rühmen schweigt,
wenn keiner unser Heldentum bezeugt,
dann stehen wir allein vor unsrer Seele Spiegel.
Und was wir schauen, macht uns leise.
Fassungslos befragen wir die Ungewissheit:
Wer lenkt das Rad der Zeiten?
Wer wirft uns mitleidslos in den Sturm
und nennt es Prüfung?
Ist’s blinder Zufall,
oder waltet eine höhere Hand,
die uns durch Leid zur Größe zwingt?
Denn zwischen Engel und Vernichtung
ist unsre Wiege aufgeschlagen.
Wir tragen göttlichen Funken im Gemüt
und doch das Tier in unserm Blut.
Wir können lieben – grenzenlos,
uns selbst im Andern übersteigen,
und können hassen mit derselben Glut,
die Welten niederbrennt.
So sind wir demütig,
wenn uns das Schicksal niederdrückt;
wir beugen uns und nennen es Bestimmung.
Und dennoch glimmt im tiefsten Kern
ein Trotz, der nicht vergehen will,
ein Aufruhr gegen jede Fessel,
ein Ruf nach Freiheit,
der selbst im Kerker widerhallt.
Oh Mensch!
Du herrliches, unerschütterliches Geschöpf!
Zum Höchsten strebst du,
und stürzt ins Tiefste.
Doch eben in dem Kampf
zwischen Schlamm und Sternenmeer
wird deine Größe offenbar.
© Marcel Strömer
[Magdeburg, 12.02.2026]
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