Sophia und Flori - Eine folgenschwere Reise

Ein Gedicht von jogdragoon
Langsam erhob sich die Sonne über den Horizont.
Ihre Lichtstrahlen tauchten den frühen Morgen in ein bläuliches Licht.
"Die blaue Stunde !" dachte sich Sophia.
Sie war heute früh wach geworden.
Sie konnte kaum schlafen, denn heute war DER Tag.
Der Tag an dem ein großer Wunsch war werden würde.
Doch es war noch zu früh und so beschloss sie, sich, in eine bunte Decke eingehüllt, vor ihr kleines, irisches Natursteinhaus, auf die bequeme Bank, zu setzen und den Sonnenaufgang zu geniessen.
Doch immer wieder kreisten ihre Gedanken um ihn.
Sie wusste, dass es erst so um die fünf Uhr sein musste.
Die Zeit für den Sonnenaufgang an einem Spätsommertag in Irland.
Sie nippte an ihrem Becher mit Kräutertee, den sie mit Schwarztee vermischt hatte.
Das nahm ihr schon mal ein wenig die Müdigkeit.
Schlafen ging nicht mehr. Richtig wach sein, auch nicht.
So betrachtete sie, wie die Gegend um sie herum, mit ihr erwachte.
Das Licht wurde immer stärker und die langen Schatten, die die Morgensonne warf, wurden kürzer.
Sie wollte wieder nervös an ihren Fingernägeln kauen, doch erinnerte sie sich an einen Spruch ihres Vaters:
"Wenn Du schon an den Fingernägeln kauen musst, dann wähle jedes Mal einen anderen Finger aus !"
Gemeint war, dass damit die aktive Aufmerksamkeit, über eine Entscheidung,
in ihr Bewusstsein gelenkt wurde.
Damit konnte diese automatische Reaktion auf Nervosität, beherrscht werden.
"Wie vertreibe ich mir die Zeit ?" dachte sie.
Sie hatten sich für 10 Uhr verabredet. Vorher ging es nicht.
"Fünf Stunden !" sagte sie zu sich selbst.
"Genügend Zeit für eine Wanderung. Die muss allerdings anstrengend genug sein, damit ich abgelenkt werde!
Sein Vater und seine Mutter sind nachher auch da.
Sie hatte sich ihn ausgesucht.
Flori wurde er genannt und sie liebte seine lebhaften Augen.
Auch sonst war er sehr agil.
"Überall muss er seine Nase hineinstecken, doch dass werde ich ihm noch abgewöhnen !" dachte sie herrisch.
Sie ging wieder ins Haus und zog sich für die Wanderung an und schmierte sich ein Brot für das Frühstück.
Sie packte es mit einer Thermoskanne, voll mit ihrem Lieblingstee, in ihren kleinen Rucksack
und setzte ihn sich auf.
Der kleine Nachbarberg war hoch genug, um eine kleine Herausforderung zu sein und sie beschloss, dass dessen Gipfel ihr heutiges Ziel sein sollte.
So schloss sie ihr Haus ab und machte sich auf den beschwerlichen Weg.
"Zwei Stunden hin und zwei zurück. Damit bleibt genügend Zeit für eine Frühstückspause auf dem Gipfel."
Sie war diesen Weg schon einige Male gelaufen.
Nach ungefähr einer Stunde wurde der Untergrund immer steiniger.
Bisher war das nie ein Problem gewesen.
Doch dieses Mal war sie unachtsam, weil sie wieder einmal nur an Flori dachte, stolperte
und verdrehte den Knöchel ihres linken Fusses.
Das tat weh. Höllisch weh.
"Doof und Dumm !" schimpfte sie über sich selbst.
Glücklicherweise sah sie ein bisschen weiter den Weg herab jemanden.
Er kam auf sie zu und erreichte sie nach einer Weile.
Dann blieb er vor ihr stehen, stützte sich auf seinen Wanderstab und schaute nachdenklich auf den Knöchel, der schon angeschwollen war und fragte:
"Hallo Sophia, das sieht ja nicht gut aus.
Ich nehme an, dass ich Dir helfen darf ?"
Sophia blickte, mit leicht von Schmerzen verzerrtem Gesicht, in das Gesicht von Martin.
Sie kannte ihn noch von früher, als sie zusammen in die Schule gingen.
Sie hatten sich immer ein wenig gehänselt, denn sie mochten sich.
Das hatten sie sich früher jedoch nie eingestanden.
"Gerne nehme ich Deine Hilfe an, Martin" antwortete sie ihm.
Er reichte ihr seinen Wanderstab und half ihr, sich aufzustellen.
Hilfreich unterstützte er sie beim Abstieg.
Es war 11 Uhr, als sie bei ihrem Haus ankamen.
Kaum hatte sie sich hingesetzt, ließ sie sich von Martin ihr schnurgebundenes Telefon reichen und telefonierte.
Martin sah sie erstaunt an, sagte aber nichts.
Er hörte, wie sie sagte: "Leider kann ich nicht kommen, um Flori abzuholen.
Ich habe mir wohl meinen Knöchel verstaucht und bin gerade nach Hause gehumpelt.
Ich melde mich, sobald ich eine Idee habe, wie es weitergehen soll."
Martin fragte sie, worum es denn geht und sie antwortete:
"Ich habe mir einen Welpen gekauft und wollte ihn heute abholen.
Nun wird da wohl nichts mehr draus."
Martin sagte, dass es wohl erst einmal wichtiger war, festzustellen, was mit ihrem Fuß los ist.
Er ging zu seinen Eltern, bei denen er zwei Wochen Urlaub verbringen wollte, holte sein Auto
und fuhr mit Sophia zur Arztpraxis.
Der Arzt besah sich den Fuß genau und konnte Sophia wieder heim schicken. Ihr Knöchel war zum Glück tatsächlich nur verstaucht und sie durfte ihn vorerst nicht schwer belasten.
Wieder zu Hause, seufzte sie und sagte:
"Dann wird das wohl nichts mit Flori !"
Doch Martin antwortete: "Ich habe eine Idee !
Was hälst Du davon, wenn wir Flori abholen und wir uns gemeinsam um Deinen Fuß und den kleinen Sonnenschein kümmern ?"
"Würdest Du das wirklich für mich tun ?"
"Du weisst gar nicht, wie gerne !"
So holten sie zusammen den Welpen ab.
Sophia hatte schon alles für ihn vorbereitet.
Hochglücklich humpelte sie zur Couch, setzte sich und nahm den kleinen, beigefarbenen Labrador Welpen, den ihr Martin reichte, in den Arm.

Sophia sah Martin liebevoll an, kraulte ihren Welpen und sagte:
"Vielen lieben Dank, Martin.
Und die Lektion, die ich gelernt habe, ist:
Wenn ich mit meinen Gedanken abgelenkt bin, dann besteige ich keinen Berg !"

*

Wenn unerfüllte Gefühle nach der Zukunft streben,
kannst Du kaum erwarten, sie zu erleben.
Es zieht Dich zu dem, was Du liebst !
Bevor Du Dich in Gefahr begibst,
auf eine unwegsame Reise,
halte inne und sei weise:
Verschieb die Reise !

Suche die innere Ruhe und lausche dem Wind,
bis Deine Gedanken bei der Reise sind.

Auch als Musikvideo: youtu.be/PtdOL8x1CLo?si=fAVJFFJSKDWdF7Ui
(Allerdings auf Englisch ;-)

© jogdragoon
Veritas tua, veritas mea,
hae sunt mendacia nostra

Informationen zum Gedicht: Sophia und Flori - Eine folgenschwere Reise

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07.08.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (jogdragoon) für private und kommerzielle Zwecke frei verwendet werden.