Sachzwang
“Hell is empty and all the devils are here“ Ariel to Prospero Shakespeare: The Tempest,
Act 1, scene 2
Chandrika Wolkenstein Sachzwang
Die Hölle ist leer.
Nicht weil das Böse ausgestorben wäre.
Sondern weil es umgezogen ist,
in Großraumbüros und Kommentarspalten,
in Gremien und Ministerien,
in dem beruhigenden Tonfall,
mit dem man Härte
als Sachzwang verkauft.
Es steckt in Tagen,
die ordentlich beginnen
und moralisch verwahrlosen,
noch bevor der Nachmittag kommt.
In Besprechungen,
in denen niemand laut wird,
und dennoch ein Mensch
Stück für Stück verschwindet.
Alle Teufel sind hier.
Sie haben gelernt,
harmlos zu wirken,
Verantwortung so zu teilen,
dass Schuld verdunstet.
Ein Leben zu beschädigen,
ohne die Stimme zu heben.
Manchmal sitzen sie mit uns
in der Straßenbahn,
den Blick im Glas,
als wären auch sie nur müde
von dieser Gegenwart.
Man erkennt sie nicht daran,
dass sie grausam sind.
Man erkennt sie daran,
dass sie nichts empfinden,
wo ein Herz
eigentlich stolpern müsste.
Die Hölle ist leer.
Alle Teufel sind hier.
Sie stehen nicht außerhalb von uns.
Sie warten in unseren Gesten,
in unserer Feigheit,
in diesem einen Moment,
in dem wir genau wissen,
was richtig wäre,
und trotzdem still bleiben.
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