Nach Feierabend

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Wenn die Stadt ihre Reste abstellt,
beginnt ihr Weg.

Sie geht langsam,
als müsse sie jeden Schritt
aus einem zu kleinen Vorrat nehmen.

Ihre Hände verschwinden
in den dunklen Mündern der Straßen,
kommen wieder zum Vorschein
mit etwas, das leise gegeneinanderschlägt.

Sie ordnet das Gefundene
behutsam in ihren Wagen,
als wären es keine Überbleibsel,
sondern Dinge,
die noch einen Wert versprechen.

Manchmal richtet sie sich auf
und hält eine Hand an den Rücken.

Über ihr brennen die Lichter
von Wohnungen,
in denen das Abendessen warm wird.

Später steht sie vor einer Maschine.
Sie gibt ihr Stück für Stück,
was andere nicht mehr tragen wollten.

Ein schmaler Zettel
wächst in ihrer Hand.

Sie faltet ihn zweimal,
steckt ihn ein
zu einem alten Foto
und dem Schlüssel
zu einem stillen Zimmer.

An der Kasse zählt sie langsam.

Brot.
Milch.
Etwas für morgen.

Die Frau hinter ihr schaut auf die Uhr.

Niemand sieht,
wie viel Leben
in diesen wenigen Münzen liegt.

Informationen zum Gedicht: Nach Feierabend

4 mal gelesen
(Es hat bisher keiner das Gedicht bewertet)
-
04.08.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Chandrika Wolkenstein) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.