Lektüre

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Zwei junge Männer lagen aufgeschlagen
auf den Tischen,
der eine seit Jahrhunderten untröstlich,
der andere zwei Jahrhunderte jünger,
nicht weniger verloren.

Die Klasse prüfte ihr Leiden,
fand es weich,
lächerlich.

Mimosen.

Unter blauem Haar hob sich ein Gesicht.
Eine Stimme stellte sich
zwischen das Gelächter und die Bücher,
verteidigte beide
mit einer Heftigkeit,
die bis in die letzte Reihe reichte.

Danach blieb der Blick
am Seitenrand.
Am Hals stieg die Röte hoch,
bis jemand anderes sprach.

Im Juni wurde Schillers Kabale
von der Hitze aufgeweicht.
Sätze zerflossen,
Schweiß rann über Rücken,
die Luft stand.

Sie ging hinaus
und kehrte in kurzer Hose
und T-Shirt zurück.

Die Sonne traf ihre Haut.
Alte Narben, blass.
Neuere, rot und erhaben.
Für Missbrauch
hatte das Arbeitsblatt
kein Feld vorgesehen.

Die Klasse blätterte weiter.

Der Gong.

Sie blieb noch sitzen.
Kann man helfen?

Nichts zu tun.

Dann Fehlstunden.
Ein leerer Platz.
Pflegefamilie, hieß es.
Ausbildung, vielleicht.

Im nächsten Schuljahr
saß dort jemand anderes.

Informationen zum Gedicht: Lektüre

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02.09.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Chandrika Wolkenstein) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.