Erfolgreich zu Tode geliebt

Ein Gedicht von Marcel Strömer
Der Wind über der Ostsee war kalt, aber der Gestank von falschem Mitgefühl war kälter. In der flachen Bucht der Kirchsee vor Poel lag er. Ein junger Buckelwal alt im Gefühl. Die Wissenschaftler führten ihn in ihren Akten unter Timmy, doch für die Boulevardpresse, die gaffenden Instagram-Touristen und die weinenden, zu Trauerarien gerührten Menschen am Ufer hieß er nur eins: Hope. Hoffnung. Es war das schmutzigste und scheinheiligste Wort des Jahres 2026, das man einem sterbenden Tier anheften konnte. Der unschuldige Buckelwal Timmy war nicht aus Versehen hier. Seine Kiemen und sein Magen waren voll mit dem unsichtbaren Zivilisationsmüll einer Welt, die ihn im Großen längst hingerichtet hatte. Die eins sauberen Weltmeere waren zugemüllt, überfischt und von Sonarsignalen zerrissen. Er war taub, krank und erschöpft in diese tödliche Flachwasserfalle geraten. Er war gekommen, um in letzter Ruhe das zu tun, was jedes Lebewesen das Recht hat zu tun: zu sterben. Doch der eifrig gerechtigkeitsliebende Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts duldet keinen leisen Tod, der das eigene Gewissen stört.

Am Ufer formierte sich der tägliche Wahnsinn. Eine bunte Wand aus Smartphones, Kamerateams und Schaulustigen mit Thermoskannen belagerte die Bucht. Aufgeregte, ernstpolierte Politikergesichter reisten an, um im Blitzlichtgewitter tiefe Betroffenheit in die Mikrofone zu hauchen, zu schnauben. Qualifizierte Expertenrunden wurden gegründet. Man diskutierte, quasselte und stritt wochenlang über Zuständigkeiten. Die einen forderten, eine Rinne zu graben, die anderen wollten ihn einfach nur beobachten und behaupteten, die Natur regele das schon, während sie ihr drittes Fischbrötchen verdrückten. Niemand sah die geistige Armut und die absolute Fehlstelle im Verständnis für die großen Zusammenhänge. Niemand begriff, dass dieser Wal die absolute Spitze des Eisbergs war. Man weinte um ein einzelnes Tier, während dreißig Kilometer weiter die Schleppnetze der Industrie den Meeresboden rücksichtslos rasierten und alles Leben darin erstickten.

Dann kam der Tag des großen Aktionismus. Die Masse forderte Bilder. Man ertrug den Anblick des leidenden Riesen nicht mehr, nicht aus echter Empathie, sondern weil er den Spiegel der eigenen Zerstörungswut darstellte. Mit Baggern und Schaufeln wurde eine Rinne durch den Schlamm gezogen. Das Tier, dessen tonnenschwerer Körper ohne den tiefen Auftrieb des offenen Meeres unter seinem eigenen Gewicht langsam zerquetscht wurde, erlitt Qualen, die kein Mensch sich vorstellen mochte. Jede Bewegung im flachen Wasser was wie ein Schnitt mit einem glühenden Messer. Unter dem Applaus der Schaulustigen und unter den Rührungstränen der Masse wurde der Wal tiefer in die Bucht gedrängt, quasi genötigt, die Rettung anzunehmen. Ein paar gequälte Schläge der mächtigen Schwanzflosse folgten, und er schwamm ins vermeintlich freie Wasser. Hollywood lässt grüßen. Die Feeds im Internet explodierten vor Stolz über die gelungene Rettung. Man klopfte sich auf die Schultern, kaufte sich ein Souvenir und fuhr im SUV nach Hause. Das kollektive Gewissen war reingewaschen. Für kurze Zeit.

Knapp zwei Wochen später an der dänischen Westküste bei Esbjerg. Ein grauer, stürmischer Vormittag, farblos, kalt und unerbittlich. Ein alter Küstenfischer, dessen Gesicht von Salz und Wind gegerbt war, ging den Strand entlang. Er brauchte kein Smartphone und keine Expertenrunde, um die Welt zu verstehen. Er sah den Koloss schon von Weitem, angespült vom harten Wellengang, kieloben im stinkenden Tang. Es war Timmy, oder das, was von dieser Hoffnung übrig geblieben war. Der Körper war grotesk aufgedunsen, die Haut von den Schleppseilen und dem flachen Sand aufgerissen und tief vereitert. Die Augen waren längst von den Möwen geholt worden. Aus seinem Maul lief ein schwarzer Schlamm aus Verwesung und Mikroplastik. Die unbarmherzige Wahrheit der Natur hatte sich ihr Recht zurückgeholt. Das Tier war jämmerlich verreckt, weit weg von den Kameras, weit weg von den Tränen der Gutmenschen. Die Rettung in Deutschland war nichts weiter als eine Verlängerung seines Todeskampfes gewesen, eine brutale Folter im Namen der menschlichen Selbstdarstellung.

Der alte Fischer trat an den Kadaver heran und schwieg. Er sah die tiefen Striemen an der Schwanzflosse, die Spuren des menschlichen Aktionismus. Er holte tief Luft, spürte den eisigen Wind im Gesicht und spie angewidert in den Sand. Er schüttelte langsam den Kopf. Jedes Tier in diesem verseuchten Ozean würde schreiend den Kopf schütteln, wenn es die Hilflosigkeit und die Arroganz dieser Spezies sehen könnte. Knetendämlich ist doch der Mensch, murmelte der Alte gegen den Sturm an. Seine Stimme war eisenhart wie das Urteil der Natur selbst. Einfach nur knetendämlich. Sie wollen die Natur retten, aber sie haben verlernt, ihr auch nur ein Fünkchen Würde im Sterben zu lassen. Er drehte sich um und ging, ohne ein Foto zu machen. Hinter ihm stürzte sich die erste Schar Möwen kreischend auf den Kadaver. Sie taten das, was sie schon immer taten: Sie räumten auf, was die Krone der Schöpfung in ihrer grenzenlosen Blindheit angerichtet hatte.


© Marcel Strömer
[Magdeburg, 22.05.2026]

Informationen zum Gedicht: Erfolgreich zu Tode geliebt

11 mal gelesen
(Es hat bisher keiner das Gedicht bewertet)
-
22.05.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Marcel Strömer) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.