Der Tod des braven Mädchens

Ein Gedicht von Kirsten Kirschbaum
Ich hatte lieb und nett zu sein,
So meinten alle: "Das ist fein!
Den Haushalt halte immer rein!
Bleib unauffällig, bleibe klein!
Wahre stets den höflichen Schein!
Vergiss geschwind das Wörtchen Nein,
Sonst bleibst du ohne Mann, allein!
Das ist kein lebenswertes Sein!"

Ich wäre beinah dran verreckt,
Hätt nie entdeckt, was in mir steckt.
Es reichte nie, war nie perfekt,
War nie genug und nie korrekt.
Stattdessen war ich angeeckt;
Verachtung traf mich unbedeckt.
Ich hab mich tief in mir versteckt,
Hielt mich selbst für ein Hassobjekt.

Doch diese unscheinbare Frau
Ist so beherzt und wirklich schlau:
Ergab sich dem Totalumbau
Und lockerte den innren Stau.
Sie legte ab das Tarnungsgrau,
Erstrahlte wie ein schöner Pfau.
Schau sie an, die tolle Frau -
Nur zu, denk immer wieder: Wow!

Und nun merk ich, ich bin bereit.
Alles funkt mir: Es ist soweit.
Die brave Maid, dem Tod geweiht:
Vorbei ist endlich ihre Zeit!
Ich richte sie, mir tuts nicht leid.
Der Akt muss sein, so ist's gescheit.
Ein Hieb, ein Stich, wir sind entzweit!
Ich fühl mich leicht, zutiefst befreit.

Informationen zum Gedicht: Der Tod des braven Mädchens

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27.05.2026
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