Brauchbare Stapel

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Die Kinder sind ausgezogen.
Das Zimmer hat es
noch nicht begriffen.

Unter dem Fenster
liegt ein Ball,
weich geworden vom Alter,
als hätte auch er
zu lange gewartet.

Wir heben still Dinge auf,
als wären sie noch warm vom Spiel,
als stürzte gleich ein Kind herein
atemlos, mit roten Wangen.

Wir öffnen Schubladen.

Darin:
Kreidebrösel,
ein abgebrochener Ritter,
Sticker, die nicht mehr kleben,
ein Zettel mit einem Mond,
der viel zu groß geraten ist.

So zeichnen Kinder:
Sie wissen noch,
dass der Himmel
übertreiben darf.

Wir sitzen auf dem Boden
zwischen Kisten
und tun,
was Erwachsene tun:
behalten,
wegwerfen,
spenden,

die Vergangenheit
in brauchbare Stapel legen.

Dann finden wir
die kleine gelbe Schaufel.

Sand klebt noch daran,
hart wie ein Fossil.

Und für einen Moment
ist der Strand wieder da,
die nassen Füße,
das Geschrei der Möwen,
dein Ruf:

Vorsicht, die Welle.

Für einen Moment
ist das Kind wieder klein genug,
um in unsere Arme zu passen.

Dann fällt irgendwo
ein Deckel zu.

Das Geräusch ist winzig.

Aber es macht
das ganze Haus älter.

Informationen zum Gedicht: Brauchbare Stapel

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23.06.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Chandrika Wolkenstein) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.