Beschwert euch bei den Göttern

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Italien sagt:
Schaut nicht so.

Und steht dabei im Nachmittagslicht
wie ein Dieb,
der den Himmel gestohlen hat
und ihn nun über Olivenhainen trocknet.

Was sollen wir denn tun?

Nicht hinsehen
auf Rom,
diese alte Mythenfabrik aus Marmor, Blut, Vespa-Lärm
und Weihrauchresten?

Nicht hören
wie Venedig leise untergeht,
mit perfekter Haltung,
als wäre Ertrinken
eine weitere Kunstform?

Italien sagt:
Bitte keine Verklärung.

Und dann kommt irgendwo
eine Tomate auf den Tisch,
rot wie ein Screenshot vom Paradies,
ein Espresso,
kurz, schwarz, endgültig,
ein Limoneneis,
das so sittlich anstößig schmeckt,
als hätte jemand Michelangelo
in eine Kühltruhe gesperrt.

Man sitzt da,
mit schlechtem Gewissen
und sehr gutem Brot,
zwischen Gewaltgeschichte
und Basilikum,

und denkt:
Ihr könnt nicht gleichzeitig
unvergleichlich sein
und euch über Vergleiche beschweren.


Ihr könnt nicht Rom haben,
Venedig, Opern, Fresken,
Denker, Maler, Kuppeln,
diese lächerliche Kurve
einer stillen Zypressenallee,
und dann beleidigt sein,
wenn jemand staunt.

Beschwert euch nicht bei den Touristen.
Nicht bei den Niemands.
Nicht bei den müden Menschen
der grauen Flughäfen.

Beschwert euch bei den Göttern.
Bei den großzügigen,
maßlosen,
den geschmacklosen Göttern,
die euch erst Michelangelo gaben
und dann,
als wäre das nicht schon unanständig genug,
auch noch
das beste Limoneneis der Welt.

Informationen zum Gedicht: Beschwert euch bei den Göttern

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21.05.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Chandrika Wolkenstein) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.