Beobachtungen am See
Noch sucht es Form und Wölbung, dieses kleine, gerollte Blatt, dessen helles Grün am Vortag noch in brauner Knospe ruhte. Wie leise es doch weht. Es scheint im milden Morgenwind zu träumen. Doch da, ein rundlicher Käfer, der auf der Suche nach einem Frühstück ist, nähert sich dem Blatt. Ich staune über seine Gefräßigkeit. In Windeseile hat dieses kleine Insekt die Hälfte des jungen Blattes verspeist. Klar, dass es jetzt erst einmal eine Pause einlegen muss, sein Magen wird bestimmt voll sein. Zwei seiner Artgenossen haben sich zu ihm gesellt und den Rest des jungen Blattes verspeist. Auch sie, gesättigt vom Frühstück, machen jetzt ein Verdauungspäuschen. Unten am Fluss haben die Frösche ihr Morgenkonzert angestimmt. Diese tagaktiven Tiere bevorzugen Insekten, Schnecken oder Würmer als Speisen. Ich habe schon beobachtet, wie sie im Sprung nach Insekten jagten und auch Erfolg hatten. Drüben, am anderen Ufer, sind die Schwäne damit beschäftigt, ihr Nest herzurichten. Fünf Junge hatten sie im letzten Jahr, wovon nur eines übrig blieb. Seine Geschwister waren den Füchsen zum Opfer gefallen.
Ein aromatischer Duft, der von der kleinen Halbinsel zu mir herüberweht stammt von dem Kalmus, der sich oft an nährstoffreichen Gewässern ansiedelt. Er wird wegen seiner Bitterstoffe und Alkaloide als Heilmittel bei Zahnfleischerkrankungen und Magenleiden verwendet. Ich sitze hier in einem alten Kahn, der mir bei meinen Beobachtungen oft als einigermaßen bequeme Sitzgelegenheit dient. Er liegt am Nordufer des Sees und ist umgeben von einem Teppich aus Wasserlinsen. Diese grüne Pflanze wurde früher als Entengrütze bezeichnet. Angeblich wurden Entenküken damit gefüttert, da sie das Wachstum steigern würde.
An so manchen Frühlingsabenden habe ich hier gesessen und den Anblick genossen, wenn im Rot des Sonnenuntergangs der Wald in der Dämmerung versinkt und über das buschumwachsene Gewässer die Fledermäuse ihre Kreise ziehen. Die Lieder der verschiedensten Vogelarten, das Gequake der Frösche, die im Schilf plätschernden Fische und den wunderbar Seelenfrieden bringenden Duft habe ich in meine Träume eingeschlossen. Tief in mir lebt noch der Knabe, welcher einst diese unauslöschlichen Wunder empfangen hat. Mit dem Verständnis vieler Menschen rechne ich nicht aber ich weiß, dass es einige gibt, die mich verstehen, ja sogar ähnlich empfinden wie ich.
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