424

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Ich habe 424 Freunde.
Sie wohnen hinter Glas.

Jeden Morgen erzähle ich ihnen
vom Kaffee, vom Wetter, von mir.

Sie kennen die Tasse,
nicht die Hand,
die sie zu fest hält.

Wir schicken einander Herzen,
leicht genug für jede Leitung.
Sie schlagen nicht.

Auf den Bildschirmen
stehen hundert Fenster offen.

In unseren Zimmern
fällt eine Tür ins Schloss.

Vor der Kamera
trage ich mein bestes Gesicht.

Die Traurigkeit bleibt
knapp außerhalb des Bildes.
Sie kennt das Passwort.

Draußen gehen mir Menschen verloren,
weil mein Blick unten bleibt.

Vielleicht hätte jemand zurückgesehen.
Vielleicht auch nicht.
Doch selbst das Vorübergehen
hätte ein Gesicht gehabt.

Am Abend erlischt das Glas.
In seinem Schwarz
bin ich
mein eigenes Gegenüber.

Wir sehen uns an.
Keiner von uns
wischt weiter.

Informationen zum Gedicht: 424

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10.08.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Chandrika Wolkenstein) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.