13 Jahre. Und manche Wunden sind noch immer offen.

Ein Gedicht von Stay Strong
13 Jahre ist es her. 13 Jahre, seit mir etwas angetan wurde, das ich niemals freiwillig erlebt hätte. 13 Jahre, seit sich etwas in mir verändert hat, das niemand von außen sehen kann. Und 13 Jahre, in denen ich versucht habe, mit etwas zu leben, das ich mir niemals ausgesucht habe.

Ich war gerade einmal 19 Jahre alt. Noch so jung, mit Vorstellungen davon, wie mein Leben sein würde, mit Wünschen, Hoffnungen und dem Glauben daran, dass manche Momente etwas ganz Besonderes sein würden.

Es war mein erstes Mal. Aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Nicht mit einem Menschen, dem ich vertraute, bei dem ich mich sicher fühlte und bei dem ich mich fallen lassen konnte.

Ich kannte ihn kaum. Und trotzdem nahm er sich etwas, das ihm niemals zustand.

Mein erstes Mal hätte ein Moment sein sollen, an den ich mich ohne Angst erinnere. Ein Moment, den ich selbst gewollt hätte, in dem meine Gefühle zählen, meine Grenzen respektiert werden und ich selbst entscheiden darf, wem ich mich anvertraue.

Ich hätte mir gewünscht, dass es aus Nähe entsteht. Aus Vertrauen. Aus Zärtlichkeit. Aus einem Gefühl, bereit zu sein und es wirklich zu wollen.

Doch stattdessen blieben Angst, Schmerz und Erinnerungen, die ich niemals haben wollte.

Er nahm mir nicht nur die Möglichkeit, mein erstes Mal so zu erleben, wie ich es mir vorgestellt hatte. Er nahm mir für lange Zeit auch ein Stück meines Vertrauens, mein Gefühl von Sicherheit und das unbeschwerte Gefühl, über meinen eigenen Körper bestimmen zu können.

Vielleicht war es für ihn nur ein Moment. Für mich wurde es etwas, das mich über Jahre hinweg begleiten sollte.

Und manchmal tut nicht nur das weh, was passiert ist. Sondern auch das, was niemals sein durfte. Der Moment, den ich mir gewünscht hätte. Die Erinnerung, die ich gerne gehabt hätte. Das erste Mal, das ich niemals zurückbekommen werde.

Ich sehe mich noch immer dort sitzen. Auf dem kalten Badezimmerboden meiner ersten eigenen Wohnung. Allein mit meinen Gedanken, meiner Verzweiflung und einer Klinge in der Hand.

Ich wollte alles hier beenden. Nicht, weil ich wusste, dass ich sterben wollte, sondern weil ich einfach nicht mehr wusste, wie ich mit diesem Schmerz weiterleben sollte.

Ich fühlte mich so schlecht, so leer und gleichzeitig so voller Schmerz, dass ich die Klinge nahm und mich ritzte. Für einen Augenblick wollte ich etwas anderes spüren als diesen Schmerz, der mich innerlich auffraß. Ich wollte mich selbst wieder spüren. Wollte für einen Moment aus meinem eigenen Kopf entkommen, aus den Gedanken, den Erinnerungen und diesem Gefühl, dass etwas in mir zerbrochen war, das ich allein nicht wieder zusammensetzen konnte.

Für einen Augenblick war da etwas anderes. Doch auch dieses Gefühl verging. Die Wunden schlossen sich. Aus ihnen wurden Narben. Und auch der Schmerz auf meiner Haut wurde irgendwann weniger.

Aber wer nimmt mir den Schmerz, der tief in mir sitzt? Wer heilt die Wunden, die niemand sehen kann? Wer sammelt die Scherben einer Seele auf, die damals zerbrochen ist, während die Welt einfach weiterlief?

Ich renne. Nicht mit meinen Füßen, sondern tief in mir. So weit weg, wie ich nur kann. Vor meinen Erinnerungen, meinen Gedanken und meinen Gefühlen.

Ich verstecke mich hinter einem Lächeln, hinter alltäglichen Worten und hinter der Fassade, dass alles in Ordnung sei.

Damit niemand merkt, wie gebrochen ich mich manchmal fühle. Damit niemand sieht, wie viel Kraft es mich kostet, einfach nur ich selbst zu sein.

Ich will nicht mehr kämpfen müssen. Nicht mehr jeden Tag so tun, als wäre ich stärker, als ich mich fühle. Ich möchte meinen Schmerz endlich herauslassen. Möchte schreien, bis alles aus mir heraus ist. Möchte weinen, bis keine Träne mehr übrig ist.

Doch meine Augen bleiben trocken. Als hätte selbst mein Körper vergessen, wie man weint. Dabei ist da so viel, das hinauswill. So viel Traurigkeit, so viel Wut, so viele ungeweinte Tränen.

Und ich sitze da, mit einem Herzen, das schreit, während meine Augen schweigen.

Immer wieder hoffe ich, dass es irgendwann leichter wird. Dass ich eines Tages zurückblicken kann, ohne innerlich wieder dort zu sein. Dass die Erinnerungen irgendwann nur noch Erinnerungen sind und nicht länger etwas, das mich zurück in diesen Schmerz reißt.

Aber weißt du, wie es ist, wenn ein Schmerz bleibt, obwohl Jahre vergehen? Wenn die Welt längst weitergezogen ist, du aber manchmal noch immer an dem Ort festhängst, an dem alles zerbrochen ist?

Weißt du, wie es ist, wenn dein Herz immer wieder schreit, dass nichts in Ordnung ist, während dein Mund gelernt hat, zu schweigen? Wenn du so gerne loslassen würdest, aber nicht einmal weißt, wohin mit all dem, was du seit Jahren mit dir herumträgst?

Man sagt: „Zeit heilt alle Wunden.“

Aber wie viel Zeit muss noch vergehen? Wie viele Jahre müssen noch verstreichen, bis es endlich aufhört, wehzutun? Wie oft muss ich noch stark sein, obwohl ich es längst nicht mehr sein möchte?

Meine Narben sind verheilt. Doch manchmal fühlt es sich an, als würden die alten Wunden wieder aufbrechen. Als müsste ich alles erneut zusammennähen, was damals in mir zerrissen wurde.

Und jedes Mal frage ich mich: Wie oft kann ein Mensch an etwas zerbrechen, das so lange zurückliegt und sich doch manchmal anfühlt, als wäre es gestern gewesen?

13 Jahre.

13 Jahre, in denen ich weitergelebt habe. 13 Jahre, in denen ich gekämpft, geschwiegen, funktioniert und gehofft habe. 13 Jahre, in denen ich gelernt habe, mit einem Schmerz zu leben, den ich mir niemals ausgesucht habe.

Vielleicht sieht man mir nicht an, was ich erlebt habe. Vielleicht hört man nicht, wie laut es in mir manchmal ist. Vielleicht denkt man, ich hätte es längst hinter mir gelassen.

Aber nur weil ich nicht weine, heißt das nicht, dass es nicht wehtut. Nur weil ich schweige, heißt das nicht, dass ich vergessen habe. Und nur weil ich weiterlebe, heißt das nicht, dass alles wieder heil ist.

Es sind 13 Jahre vergangen. Doch manche Erinnerungen fühlen sich an, als wäre es gestern gewesen.

Und es tut weh. Immer noch.

Informationen zum Gedicht: 13 Jahre. Und manche Wunden sind noch immer offen.

24.10.2026
6 mal gelesen
Danke für deine Rückmeldung.
Dieses Gedicht hat 0 Leser gefallen und 2 Leser berührt.
Das Gedicht darf nur mit einer Erlaubnis des Autoren kopiert oder veröffentlicht werden. Jetzt Anfrage stellen.