Sammeln

Ein Gedicht von Wolf-Rüdiger Guthmann
Der Mensch braucht Dinge, die er sammelt,
damit sein Ordnungssinn nicht gammelt.
Als Kind waren es am Uferrand
die vielen Muscheln, die man fand,
oder bei der Spatengartenumgrabezeit
Regenwürmer, endlich aus der Erde befreit.

Später, in der Jugendliebeaktion
hatten Fotos der Lieben Sammelsaison.
War sie erst gefunden, die eigene Frau,
gab es keine Hemmung für Sammlung und Schau.
In alten Kästen mit Schmetterlingen
ging es pedantisch nach Farben und Ringen.

Heute sortiert man lieber Fingerhüte
oder Zuckerkrümel in der kleinsten Tüte.
Auch Zuckerstücke, Würfel oder Hut
gefallen Herz und Seele gut.
Die Frauen sich mit Puppen emanzipieren
Und sie im ganzen Haus drapieren.

Beamte stecken Briefmarken, Fahrkarten, Abzeichen,
solange die Fächer der Schränke noch reichen.
Doch eines Tages, meist in der Not,
verkauft man alles gegen Bier und Brot.
Auch ich warf alles Gesammelte hin.
Doch plötzlich erhält sammeln wieder Sinn.

Ich liege lang und täglich länger,
der Ärztekreis wird immer enger.
Beim Rollstuhlrennen um die Küche
fand ich nicht nur tolle Gerüche.
Der Koch schenkte mir ein Gewürzregal,
das für Massenspeisung viel zu schmal.

Streichhölzer werden nun gefeilt
und Fach für Fach neu eingeteilt.
Durch alle Zimmer geh ich Neugierde stillen
und sammle nebenbei noch Pillen.

11.02.2016 © Wolf-Rüdiger Guthmann

Informationen zum Gedicht: Sammeln

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11.02.2016
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