Die Gummistiefel

Ein Gedicht von Wolf-Rüdiger Guthmann
Im Sommer wollte ich wie die andern
durch die Gegend latschen, kurz gesagt wandern.
Doch richtige Organisation muss sein,
drum fragte ich den Chef des hiesigen Verein.
Er sagte: „Weil wir es bei jedem Wetter wagen,
sollten sie Gummistiefel tragen.“
Ich meinte: „Gummistiefel? Kein Problem,
sie dehnen sich und sind bequem.“

Ich war nun einmal beim Laufen,
da ging ich auch gleich Gummistiefel kaufen.
Im Laden hab ich Gummistiefel verlangt
und auch die Größe mit genannt.
Die Verkäuferin hat mich lächelnd angestarrt:
„Welche Farbe, welche Art?“
Als ich meinte: „Das ist mir egal“,
zog die Dame mich zu dem Regal:

„Gummistiefel sind wie Ansichtskarten,
sie weisen auf des Trägers Eigenarten.
Es gibt sie in allen Farben,
keine Partei soll deshalb darben.
Hohe Absätze für kleine Leute,
braune Hacken für die grölende Meute.
Es gibt selbst welche mit Trittbrett an der Seite,
für Partner, die arm sind oder pleite.

Linien, Kreise, mathematische Symbole,
auch Nummernschilder unten an der Sohle.
Früher ließ man Flaggen weh ‘n,
jetzt kann man’s an den Stiefeln seh ’n.
Das diplomatische Corps miteinander
erkennt sich an dem Stiefel Stander.
Andererseits findet des Zolles Identifikata
gleich jede bekannte Persona non Grata.

Für die Großstadt Gammler Füchse
gibt es Stiefel mit Sammelbüchse.
Ersetzt ist der Begriff „Mark“
durch „Nur der Euro ist stark!“
Falls jemand unter die Straßenbahn gerät,
der Gummistiefel die Blutgruppe verrät.
Scheinwerfer und Satellitenortungsautomat
sichern den Heimweg früh und spat.

Gardinen und Rollos sind ganz real
denn das Stiefelinnere ist reich oder kahl.
Mit Auslegeware oder Linoleum,
roch es nach Veilchen und Petroleum.
Manche hatten wegen Blasen Kuhmilchfett
andere dagegen ein Nagelbrett.
Als ich mich entscheiden sollte,
hatte ich vergessen, was ich wollte.

20.11.2015 © Wolf-Rüdiger Guthmann

Gestern, auf der Suche nach einem Klo,
geriet ich auch in ein Verwaltungsbüro.
Dort dekorierte der Adventsgestalter
winzige Gummistiefel als Kerzenhalter.
Selbst mein erstklassiges, teures Autohaus
teilte als Geschenk Gummistiefel aus.
Wäre ich mal Held eines Pannengenusses,
ginge es wenigstens trockenen Fußes.

03.12.2015 Nachtrag

Informationen zum Gedicht: Die Gummistiefel

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20.11.2015
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