Das Schatzkästchen Teil 1

Ein Gedicht von Wolf-Rüdiger Guthmann
Bei Oma auf dem Vertiko
stand einst ein Kästchen, einfach so.
Es war aus hartem Holz gesägt
und mit Leder fein belegt.
Aus Silber waren seine Nieten,
sie sollten etwas Seltenes bieten.

Solange ich schon denken kann,
starrte ich dieses Möbel an.
Die Neugier lässt mir keine Ruhe,
was enthält nur diese Truhe?
Ich habe sie schon zart geschüttelt,
mit beiden Händen arg gerüttelt.

Innen rutschte etwas hin und her,
manchmal klimperte es sehr.
Heimlich fummeln mit der Messerspitze,
doch es gab da keine Ritze.
Es gab nur silberne Bügel,
die rasteten ein wie ein Riegel.

Und für das eingebaute Schloss
fehlte mir der Schlüssel bloß.
So oft ich auch danach gefragt,
hat Oma keinen Ton gesagt.
Erst als sie lag im Sterben,
verlangte sie nach mir als Erben.

Hand haltend saß ich auf ihrem Bett
und sie erzählte mir ganz nett.
Einst musste der Opa in den Krieg,
um zu versuchen einen Sieg.
Jede Woche kam von ihm ein Brief
als Zeichen, dass er noch nicht schlief.

Viele ruhten schon in fremder Erde,
getötet, damit Friede werde.
Doch eines Tages, das gab’s noch nie,
kamen Post und EK von der Kompanie.
Die Oma bewahrte des Gatten Briefe
samt Heldenkreuz in der Truhe Tiefe.

Doch der Schlüssel fiel ihr aus der Hand,
als sie im Luftschutzkeller stand,
als eine Bombe traf das Nachbarhaus
und alle Lichter gingen aus.
Im Schutt mit Husten und Fluchen
war es sinnlos danach zu suchen.

Ich hörte zu und war entsetzt,
doch fragte ich, wo ist alles jetzt?
Die Briefe hätte ich gern gelesen,
um zu wissen, wie es damals gewesen.
Da drückte Oma meine Hand:
„Alles hab ich im Ofen verbrannt!“

Wolf-Rüdiger Guthmann © 28.03.2016

Informationen zum Gedicht: Das Schatzkästchen Teil 1

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29.03.2016
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