Das Erbe kann warten.. [Teil 8]
Ein Gedicht von
Marcel Strömer
Frau Scherz und die Welt im Minusbereich
Frau Scherz schüttelt sich den Frost aus den Gliedern.
So kann man sich irren, denkt sie. Der Winter ist dieses Jahr kälter als gedacht. Es hat ordentlich geschneit, mehr als gewöhnlich für ihre heimischen Gefilde. Eine dünne, aber geschlossene Schneedecke liegt über dem Land, fast so, als hätte sich die Welt selbst zugedeckt, um nicht ständig auf die eigenen Wunden schauen zu müssen.
Vielleicht, sinniert Frau Scherz, häufen wir Menschen uns solche Decken über Herz und Verstand, um den weltpolitischen Themen nicht psychologisch oder seelisch zum Opfer zu fallen. Denn lustig ist das alles nicht. Ihr Humor ist bekanntlich leise. Fast lautlos. Nur hin und wieder kichert sie in sich hinein, wenn das Leben wieder einmal diese urkomischen Alltagsmomente produziert, die beweisen, dass Realität oft absurder ist als jede Satire.
Doch was der amtierende US-Präsident Donald Trump aktuell mit seinem Anspruch auf Grönland veranstaltet, ist selbst für geübte Ironikerinnen schwer verdaulich. Territorialansprüche, wirtschaftlicher Druck, Strafzölle gegen europäische Staaten, die es wagen, sicherheitspolitisch Präsenz zu zeigen, all das wirkt auf Frau Scherz weniger wie strategische Außenpolitik als wie ein Streit um den roten Plastikbagger im Sandkasten.
Ihr erster Gedanke: Kindergarten.
Nicht kindlich, das wäre harmlos. Sondern kindergartenhaft: impulsiv, besitzfixiert, laut. Sie ist nicht enttäuscht von Donald Trump, dafür ist sie zu realistisch. Sie ist genervt. Genervt von dieser banalen Art zu regieren, die komplexe geopolitische Zusammenhänge auf Schlagworte wie „America First“ reduziert, als ließe sich die Welt wie ein Supermarktparkplatz verwalten.
Dass derselbe Mann sich gleichzeitig als Friedensstifter inszeniert und als Anwärter auf den Friedensnobelpreis gehandelt werden möchte, quittiert Frau Scherz mit einem inneren Lachen, bei dem selbst die Krähen auf dem Feld zustimmend krächzen würden, wenn es nicht so bitterernst wäre. Humor braucht Distanz. Und diese Weltlage lässt wenig Raum dafür.
Sie malt sich aus, wie die Eskalationsschraube, die Donald Trump in der Hand hält, langsam weitergedreht wird: wirtschaftlich, rhetorisch, machtpolitisch. Sanktionen, Zölle, Drohkulissen. In der Politikwissenschaft nennt man das Machtprojektion, im Alltag fühlt es sich eher an wie Daueranspannung. Nein, denkt Frau Scherz, sie möchte sich das lieber nicht weiter vorstellen.
Kurz kommt ihr der naive Gedanke: Warum stehen die Menschen nicht weltweit auf? Warum gehen sie nicht auf die Straßen, gegen diesen alten weißen Mann, gegen diese Politik der Vereinfachung und Selbstüberhöhung? Doch sie schüttelt den Kopf. Systeme kippen nicht so einfach. Sie sind träge, vielschichtig, durchzogen von Interessen, Abhängigkeiten und ökonomischen Zwängen. Wer glaubt, moralische Empörung allein reiche aus, unterschätzt die Schwerkraft der Macht.
Frau Scherz wartet auf gute Nachrichten. Wirklich.
Stattdessen erklärt ihr ein wichtigtuerischer Bundeskanzler Merz, die Deutschen würden sich zu oft und zu lange krankmelden. Jetzt hört es aber auf, denkt sie. Als hätten wir nicht andere Probleme: eine alternde Gesellschaft, ein überlastetes Gesundheitssystem, psychische Erschöpfung als Massenphänomen, steigende Lebenshaltungskosten. Warum bekommen solche Randthemen so viel Aufmerksamkeit? Warum wird strukturelles Versagen so gern individualisiert?
Sie schiebt mit dem Fuß ein paar Eisschollen vom Gehweg. Wieder diese Erdenseelen, denkt sie, die anderen Steine in den Weg legen, aus Prinzip, aus Machtgefühl oder schlicht aus Gedankenlosigkeit. Vielleicht soll es so sein. Langeweile entsteht wenigstens nicht. Alles ist in Bewegung. Alles ist Energie. Ein bisschen Quantenphysik könnte helfen, sagt sie sich. Und richtig atmen lernen. Tief ins Zwerchfell. Ein. Aus. Ein. Aus.
Zur Ablenkung schaut sie Sportsendungen, das Dschungelcamp, drittklassige Musikshows. Nicht aus Interesse, eher aus anthropologischer Neugier. So wie die Erde sich dreht, dreht auch ihr Leben seine Kreise. Vielleicht wirken sie belanglos, aber manchmal ist es eine kluge Überlebensstrategie, unter dem Radarschirm zu bleiben.
Im Supermarkt wird sie regelmäßig daran erinnert, dass Inflation keine Theorie ist. Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Energiekosten, Mieten, alles messbar, alles spürbar. Sie stellt sich an der Kasse gern innerlich auf Empfang, wenn die Summe genannt wird. Diese entsetzten, kopfschüttelnden Gesichter der Kundinnen und Kunden erinnern sie an Höhlenmenschen, die plötzlich einem großen braunen Grizzly begegnen, der seelenruhig Erdbeeren pflückt. Rein zufällig natürlich. Ganz harmlos. Aber eben da.
Frau Scherz lächelt.
Nicht, weil alles gut ist.
Sondern weil sie verstanden hat, dass Humor manchmal die letzte Form von Widerstand ist, die uns bleibt.
© Marcel Strömer
[Magdeburg, 18.01.2026]
Und morgen schneit es vielleicht wieder.