Das Erbe kann warten.. [Teil 7]
Ein Gedicht von
Marcel Strömer
Frau Scherz und die allgemeine Weltlage 2026
Frau Scherz richtet sich allmählich ein im Jahr 2026.
Die Zahl wirkt stabiler als 2025, das ihr persönlich eher wie ein scharfkantiger Kiesel im Schuh vorkam, mit ständigen Aufs und Abs, zuletzt begleitet von einer zähen Krankheit, die ihr den Jahresabschluss ordentlich vermiest hat. Doch der Spuk scheint vorbei, sie richtet ihre imaginäre Krone neu aus und nimmt die Herausforderungen dieser neuen Zeit mit jener Mischung aus Gelassenheit und klarem Blick in Angriff, die ihr so eigen ist.
Vom warmen Fensterplatz aus verfolgt sie täglich die weltpolitische Lage und staunt manchmal, als habe sie den Horizont versehentlich mit einem Kaleidoskop verwechselt. Das globale Lagebild liest sich wie ein Lehrbuch der internationalen Beziehungen, nur ohne klare Kapitelüberschriften.
Ganz oben auf ihrer mentalen Weltkarte steht derzeit ein Konflikt, der so viele Schlagzeilen erzeugt hat, dass man meinen könnte, ganze Zeitungsseiten seien direkt von ihm finanziert worden: der militärische Angriff auf Venezuela. Anfang Januar 2026 führten US-Spezialkräfte einen Luftschlag und eine marinebasierte Operation gegen Caracas durch, bei der der venezolanische Präsident Nicolás Maduro gefangen genommen und angeblich nach New York gebracht wurde unter dem Vorwurf von Drogenterrorismus und Schmuggel, was breite internationale Reaktionen auslöste.
Parallel dazu hat die US-Regierung unter Präsident Donald Trump eine maritime Blockade venezolanischer Ölanlieferungen durchgesetzt und mehrere Öltanker beschlagnahmt darunter Schiffe unter russischer Flagge, was die transatlantischen Spannungen weiter verschärft. Die Maßnahme, die offiziell als Durchsetzung von Sanktionen präsentiert wird, wirft schwerwiegende völker- und seerechtliche Fragen auf, weil Sanktionen völkerrechtlich sensibel sind und ihr Einsatz über den bloßen Wirtschaftsbereich hinaus oft als aggressive Durchsetzung nationaler Interessen interpretiert wird.
Frau Scherz runzelt die Stirn, wenn sie an die „Donroe-Doktrin“ denkt, jene moderne Anspielung auf die alte Monroe-Doktrin, mit der Trump den Westen für quasi exklusive US-Einflussnahme im westlichen Hemisphäre beansprucht. Auch europäische Stimmen kritisieren diese Eskalation: Sie sehen darin einen möglichen Bruch des „rules-based international order“, also der auf internationalen Normen und dem Völkerrecht beruhenden Ordnung, die nach 1945 aufgebaut wurde.
Dann wäre da noch die Ukraine, die bislang am längsten und brutalsten Schauplatz von Gewalt und geopolitischer Konfrontation in Europa bleibt. Der Krieg dort ist kein Randereignis mehr, sondern ein strukturelles Problem der internationalen Sicherheit, mit Berichten über systematische Angriffe, massiven Zerstörungen und andauernden diplomatischen Sackgassen. Friedenspläne werden durch Erlöse aus Ressourcen und Machtspielen durchzogen, und humanitäre Katastrophen verschärfen sich in weiten Teilen des Landes.
Ironischerweise blickt Frau Scherz auch auf die Antarktis: ein Kontinent, der einst als Symbol gemeinsamer wissenschaftlicher Neugier und internationaler Zusammenarbeit galt, gerät immer öfter in strategische Diskussionen über Ressourcen und Machtansprüche. Staaten werben öffentlich um Einfluss auf Forschungseinrichtungen und logistische Zugänge, während sich die Frage stellt, wie die antarktischen Umwelt- und Schutzabkommen in einer Welt durchgesetzt werden sollen, in der nationale Interessen wieder lauter verlangt werden.
Und ja, dann ist da noch der Mensch Donald Trump selbst. Frau Scherz beobachtet seinen politischen Stil, der oft wie ein Dauer-Signalton wirkt: rhetorisch robust, politisch polarisierend, mit der unerschütterlichen Bereitschaft, Konflikte zu verschärfen und Dekrete auch dort durchzusetzen, wo sie international umstritten sind. Sein Ansatz lässt viele Fragen offen, über demokratische Konsensbildung, über die Rolle der USA in multilateralen Prozessen, über die Zukunft Europas und über die Bedeutung internationaler Kooperation.
Doch während sich Machthaber und Medien überschlagen, genießt Frau Scherz den Winter von ihrer warmen Fensterbank aus. Tief „Ellie” hatte Deutschland im Griff, doch was die Meteorologen dramatisierten, erscheint ihr mehr wie ein Wintereinbruch aus ihrer Kindheit, mit Schnee, Schlitten, Rodeln und dem tiefen Lachen von Kindern, die schulfreie Tage bekommen.
Die Zukunft bleibt ungewiss, denkt sie, fast ein bisschen betrübt. Man fragt sich manchmal, ob wir auf sie warten oder ob wir sie überleben, und ob „die Krisen“ überhaupt mal wirklich vorübergehen, wenn sie denn je begonnen haben. Sie würde sich am liebsten in ihr Schneckenhaus zurückziehen, aber sie weiß: Vogelstrauß-Taktik ist Selbstbetrug.
„Was soll ich machen?“, sinniert sie, während sie eine Schneeflocke aus dem Haar streicht. „Ich habe keinen Einfluss auf die große Politik, ich gehöre zu keiner Bewegung, keinem Verein, keiner Partei. Politik war nie mein Feld.“ Sie war immer eine Praktikerin, keine Ideologin, eher die Laus, die über eine Leber krabbelt und kaum jemand merkt es. Und manchmal denkt sie, das sei ein Privileg.
Frau Scherz lächelt, nicht ausgelassen, aber wahrhaft, denn das Leben sollte leichter sein als eine Schneeflocke, sagte sie einmal. Träume können schneller zerspringen, als eine Flocke vorm Bodenwind, und das weiß jeder. Aber in diesem Wissen liegt eine gewisse Freiheit und eine gewisse Freude.
© Marcel Strömer
[Magdeburg, 11.01.2026]