Dein Weg zur weißen Wolke

Ein Gedicht von Manja Dietrich
Dein Weg zur weißen Wolke
nach einer wahren Begebenheit
von
Manja Dietrich

Vorwort

Ich heiße Manja, bin einmetersiebenundsechzig groß und habe dunkelbraune schulterlange Haare. Gemeinsam mit meiner besten Freundin Katja, die ebenfalls so groß ist wie ich, lange dunkle Haare zu einem Zopf gebunden trägt, haben wir meinen Schwiegervater, den ich sehr geliebt habe, auf seinem allerletzten Weg begleitet. Schon einige Jahre zuvor, ist seine heißgeliebte Frau und meine liebe Schwiegermutter verstorben.
Die letzten zwei Tage, die Katja und ich mit Vati verbringen durften, waren für uns sehr emotional. Obwohl wir schon seit längerer Zeit wussten, dass Vati schwer erkrankt war und wir uns quasi auf seinen Tod vorbereiten konnten, war es für uns schlimm und schmerzlich, von ihm Abschied nehmen zu müssen.
Etwa einen Monat zuvor, als Katja und ich, ihn in seinem zu Hause besuchten, hatte er schon angedeutet, dass er bald gehen müsse. Er sagte zu uns, dass er aber trotzdem für uns da ist. Gemeinsam mit Mutti würde er von einer weißen Wolke auf uns runter schauen, uns zu winken und auf uns aufpassen. Und das war auch gut so, dass er diesen Satz sagte. Denn jetzt nach seinem Tod, schauen wir jeden Tag in den Himmel ob eine weiße Wolke zu sehen ist. Dann winken wir Beiden zu und fühlen uns ganz nah bei Mutti und Vati.












Es geschah im Juli 2021. An einem schönen Sonntagmorgen bekam ich einen Anruf von der Kurzzeitpflege, wo Du lieber Schwiegervater, seit über einer Woche untergebracht warst.
Du konntest nicht mehr alleine zu Hause bleiben, weil Du einige Tage zuvor in Deiner Wohnung gestürzt warst.
Eine Deiner Pflegerinnen war am Ende der Leitung. Sie erzählte mir, mit einer sehr warmen und ruhigen Stimme, dass die Zeit gekommen sei, um sich von Dir zu verabschieden.
Ich zögerte keine Sekunde und fuhr kurze Zeit später los, um bei Dir zu sein. Doch mein Weg zu Dir war sehr weit. Von einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide bis zu Dir, trennten uns zweihundertsechzig Kilometer voneinander.
Ich fuhr so schnell ich konnte. Nach drei Stunden hatte ich mein Ziel erreicht. Zuvor, fuhr ich noch zu Katja die im selben Ort wohnt wie Du und zusammen fuhren wir in das städtische Krankenhaus. Denn dort war auch die Einrichtung zur Kurzzeitpflege, des Pflegedienstes in der Du untergebracht warst.
Die Pflegekräfte waren sehr freundlich zu uns. Und überhaupt, war alles sehr gepflegt und farbenfroh eingerichtet. Eine Pflegerin zeigte uns Dein Zimmer und sagte, dass wir so lange bleiben können wie wir wollen. Wir bedankten uns höflich bei ihr, dann verließ sie das Zimmer wieder.
Das Zimmer von Dir war mit dem Nötigsten, was man so brauchte, eingerichtet. Es war ein relativ großes Zimmer. Wenn man den Raum betrat, stand gleich rechts an der Zimmertürwand, sowie an der linken Zimmerwand, ein großer Kleiderschrank. Angrenzend zum Schrank, auf der linken Seite, ging es in ein großes Badezimmer. Dem gegenüber, auf der rechten Wandseite, stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Gleich danach kam das Bett von Dir, dass mit dem Kopfende zur Fensterwand stand. Es war ein relativ großes Fenster. Wenn man hinaus schaute, sah man auf eine Straße mit Straßenbahnschienen und dem dazugehörigen Parkplatz vom Klinikum. Linker Hand von diesem Fenster, stand ebenfalls ein Bett mit dem Kopfende zum Fenster gestellt. Du musstest Dir das Zimmer mit einem neunundachtzigjährigen Mann teilen.
Wir sahen Dich in Deinem Bett liegen. Körperlich und geistig hattest Du sehr stark abgebaut.
Ohne große Worte oder einen klaren Gedanken fassen zu können, gingen wir zu Deinem Bett. Ich begrüßte Dich, streichelte Dein weißes schütteres Haar und küsste Dich auf die Stirn: „Vati ich bin es Manja. Ich bin so schnell gefahren wie ich konnte, um bei Dir zu sein.“ Mir und Katja kamen die Tränen. Du hattest mich mit fast geschlossenen Augen angesehen und doch sofort erkannt.
Ich merkte Dir Deine Aufregung und die große Freude über meinen Besuch an. „Schau mal, wen ich Dir mitgebracht habe!“ Katja hatte seit langem ein sehr gutes Verhältnis zum Vati. Als er noch in seinem zu Hause gelebt hatte, besuchte sie ihn regelmäßig. Gemeinsam schauten sie sich Bilder aus längst vergangenen Tagen an oder hörten Musik. Für ihn war Katja ein Teil der Familie geworden.
Katja beugte sich über Vati, nahm mit ihrer rechten Hand seine und mit ihrer anderen Hand streichelte sie ihm liebevoll durch sein Haar: „Opa, ich bin es, Katja. Ich freue mich so sehr, Dich zu sehen.“ Katja und ich spürten, wie groß auch seine Freude über das Erscheinen von Katja war.
Katja und ich holten uns die beiden Stühle, die am Tisch standen, an Vatis Bett und setzten uns zu ihm.
Abwechselnd redeten wir mit Vati. Wir zählten sämtliche Familienmitglieder auf und bestellten ihm, von allen liebe Grüße. Vati der kaum Regung zeigen konnte, verzog als wolle er lächeln, etwas seinen linken Mundwinkel. Er freute sich offensichtlich, dass so viele Menschen an ihn gedacht haben.
Er atmete schwer. Auf seinem Nachtschrank lagen Mundpflegestäbchen in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Katja nahm ein Stäbchen und befeuchtete die Lippen und den Mundraum von Vati. Sie tränkte das Stäbchen wieder mit Wasser und ging damit nochmals über seine Lippen und in den Mundinnenraum. Vati biss auf dieses Stäbchen. Es tat ihm gut, denn sein ganzer Mundraum war durch das schwere Atmen, wie ausgetrocknet. Dieses wiederholten wir beide in gewissen Abständen. Und ebenfalls von Zeit zu Zeit, schüttelten wir sein Kopfkissen auf und legten ihn, in eine für ihn bequemere Position.
Es klopfte an der Zimmertür. Eine Pflegerin kam mit einer Spritze herein. „Darf ich kurz stören? Ihr Vater bekommt aller fünf Stunden Morphium für seine Schmerzen gespritzt. Nun ist es wieder an der Zeit.“ Katja und ich antworteten gleichzeitig. „Selbstverständlich….“ Wir rückten unsere Stühle an die Seite. Für die Pflegekraft, war es schwierig überhaupt eine Spritze zu setzen, denn Vati war sehr stark abgemagert.
Zusammen drehten wir Vati auf die Seite, sodass die Pflegekraft die Spritze geben konnte. Vati hatte offensichtlich sehr starke Schmerzen. „AUVA, AUVA,“ hörte man ihn. Es war für uns unerträglich, Vati so sehen zu müssen. Gleichzeitig legte die Pflegekraft, Vati eine frische Windel an und danach verließ sie wieder das Zimmer.
Die Zeit verging und es war früher Abend geworden. Für Katja und mich, war es an der Zeit zu gehen. Wieder streichelte ich Vati mit meiner linken Hand über sein Haar und mit der anderen Hand, hielt ich ganz fest eine seiner Hände.: „Vati wir müssen jetzt leider gehen. Aber morgen kommen wir wieder. Versprich uns, dass Du auf uns warten wirst!“ Ich küsste ihn noch einmal auf seine Stirn. Uns kamen wieder die Tränen, wie schon unzählige Male zuvor.
Wir stellten die beiden Stühle wieder an ihren richtigen Platz, gingen noch einmal an Vatis Bett zurück, schüttelten sein Kopfkissen auf und brachten ihn in eine andere, für ihn bequemere Haltung. Dann war es wirklich an der Zeit zu gehen. Ich verabschiedete mich nochmals von Vati: „Tschüss Vati bis morgen.“ Mir fiel es verdammt schwer, ihn alleine zurück lassen zu müssen. Aber es nützte nichts. Dann ging Katja noch einmal an sein Bett, nahm ebenfalls seine Hand: „Mach`s Gut Opa, ich bin morgen auch wieder bei Dir.“ Vati verzog wieder etwas seinen linken Mundwinkel. Es war sein Ausdruck der Freude. Mit Tränen in den Augen verließen wir sein Zimmer. Wir verabschiedeten uns vom Pflegepersonal und kündigten gleichzeitig unseren morgiges Wiedererscheinen beim Vati an. Dann verließen wir die Pflegestation und fuhren zu Katja, wo ich mich für zwei Tage einquartiert hatte. Auf dem Weg dorthin hielten wir noch an einer kleinen Kneipe an. Dort bestellten wir Döner für uns und Katjas Familie und schon ging es weiter.
Katja lebte gemeinsam mit ihrem Mann und drei Kindern, zwei Jungs im Alter von sechzehn und vier Jahren und einem Mädchen, im Alter von acht Jahren in einer Vierraumwohnung.
Für mich hatte und hat Katjas Familie immer ein Plätzchen frei zum übernachten. Wir verstanden und verstehen uns alle super. Es war ein sehr herzlicher Empfang, als wir Katjas Wohnung betraten. Jeder freute sich, mich wieder in die Arme schließen zu können. Als erstes begrüßte mich der kleine vierjährige Oskar Emil. Oskar ist sehr flink und sportlich. Er stand schon an der Eingangstür: „Tante Manja!“ rief er ganz laut und kam in meine Arme gerannt. Gleich darauf folgte meine Annabell. Sie kam aus ihrem Zimmer gerannt, welches geradeaus, am Ende eines langen Flures liegt. Sie ist eine junge achtjährige hübsche Lady, hat langes blondes Haar und ist sehr sensibel. So sehr wie sich sich freut, wenn ich bei ihr bin, so traurig und in sich gekehrt wirkt sie, wenn ich wieder nach Hause fahren muss: „Tante Manja, endlich bist Du wieder bei uns.“ Auch wir beide umarmten uns herzlich und lange. „Ich habe Dich ganz doll lieb, meine Annabell. Wo ist denn Dein Papa?“ Annabell überlegte kurz: „Ich glaube er ist in der Küche.“ Ich schaute sie freudestrahlend an: „Na da werde ich gleich Deinem Papa ein herzliches Hallo sagen.“
Wenn man die Wohnung von Katja betritt, steht man in einem längeren Flur. Rechts von der Eingangstüre befindet sich ihr Schlafzimmer. Dem Gegenüber ist die Küche in der Katjas Mann saß. Er heißt Silvio, ein großer stattlicher Mann und er war sichtlich erfreut mich wiederzusehen. Ich ging auf ihn zu. Er stand auf und wir Umarmten uns ebenfalls: „Na meine Kleene, biste wieder im Lande!“ Ich freute mich natürlich auch riesig, ihn wiederzusehen:
„Ja mein großer. Ist kein schöner Anlass, aber trotzdem freue ich mich, dass ich wieder bei Euch sein kann. Wo ist denn Jonas?“ Der älteste Sohn von Katja und Silvio, der auch so groß und stattlich wie sein Vater ist, war offensichtlich noch in seinem Zimmer. Welches, wenn man weiter nach hinten den langen Flur entlang ging, am Badezimmer linker Hand vorbei, ebenfalls auf der linken Seite liegt. Doch ehe ich mich versah, stand er auch schon in der Küchentür: Er kam zu mir, umarmte mich und sagte kurz und knapp: „Hallo….“ Obwohl er erst sechzehn Jahre alt ist, musste ich mich mit meinen einmetersiebenundsechzig auf die Zehnspitzen stellen, um ihn zu umarmen.
Ich wiederum: „Na mein Jonas, ist alles soweit in Ordnung bei Dir?“ Er antwortete mir etwas ausführlicher: „ Ja, alles in Ordnung.“ So plötzlich wie er in der Küche stand, war er auch schon wieder in seinem Zimmer verschwunden.
Katja schlug vor, erst einmal die mitgebrachten Döner zu essen. Denn mittlerweile war es schon zwanzig Uhr. „Wollen wir in der Wohnstube Abendbrot essen?“ Silvio und ich antworteten gleichzeitig: „Na klar.“ Silvio fügte noch hinzu: „In der Wohnstube haben wir alle mehr Platz. Da ist es auch gemütlicher.“ Gesagt getan. Die Wohnstube liegt neben Annabells Zimmer, am Ende des Flures, auf der rechten Seite der Wohnung. Silvio, Katja, der kleine Oskar, Annabell und ich, gingen nacheinander in die Wohnstube und setzten uns hin. Silvio hatte Getränke in der Hand, Katja und ich die Döner. Jonas saß mittlerweile auch schon am Tisch. Und im nächsten Moment, waren alle mit ihrem Essen beschäftigt.
Der Abend verlief ruhig und irgendwann gingen wir alle schlafen. Ich schlief mit Katja in der Wohnstube. Denn wir mussten alle am nächsten Tag zeitig aufstehen. Die Nacht schlief ich unruhig. Immer in Gedanken an Vati. Katja erging es ähnlich.
Es begann eine neue Woche. Jonas und Annabell mussten zur Schule und der kleine Ottokar in den Kindergarten.
Annabell und Oskar fuhr ich gemeinsam mit Katja zur Schule und zum Kindergarten. Und immer wieder war ich im Gedanken bei Vati. Nachdem Katja und ich, alle Kinder gut untergebracht hatten, fuhren wir wieder zu Vati.
Auf der Pflegestation angekommen, gingen wir auf dem direkten Weg zu Vati. Im Zimmer vom Vati war es dunkel. Die Gardinen waren zugezogen. Sein Anblick war erschreckend. Innerhalb der letzten Stunden hatte er noch mehr abgebaut. Man sah es ihm schon von Weitem an, dass seine Zeit gekommen war, um Abschied zu nehmen.
Katja und ich nahmen uns wieder jeweils einen Stuhl und setzten uns zu Vati. „Hallo Vati ich bin es Manja. Ich bin wie versprochen bei Dir und ich habe auch wieder Katja mitgebracht.“ Ich küsste ihn wieder auf seine Stirn und streichelte ihm sein Kopf. Obwohl er kaum noch Regungen zeigen konnte, spürten wir beide wie er sich freute, dass wir wieder bei ihm waren und er nicht alleine war. Er verzog etwas seinen linken Mundwinkel, als wolle er lachen. Katja nahm Vatis Hand und er hielt ihre Hand, so fest er konnte. „Opa ich freue mich, Dich zu sehen.“ Und wieder verzog er etwas seinen linken Mundwinkel, als wolle er lachen. Katja und mir viel sofort auf, dass er ziemlich warme Hände hatte. Überhaupt war sein ganzer Körper sehr warm. Obwohl er die letzten Wochen immer kalte Hände, Arme und Füße hatte und ständig fror, war er zu diesem Zeitpunkt sehr warm. In diesem Moment kam eine Pflegerin ins Zimmer. „Es ist wieder an der Zeit, für die Morphium Spritze.“ Wieder stellten Katja und ich die Stühle an die Seite, sodass die Pflegerin gut an Vatis Bett kam. Doch im Gegensatz zum gestrigen Tag, zeigte Vati kaum noch Regung, als sie ihm das Morphium spritzte. Sie richtete ihm noch einmal sein Bett und gemeinsam legten wir ihn wieder, in eine für ihn bequemere Position. Danach verließ sie das Zimmer.
Katja und ich zogen die Stühle ans Bett vom Vati und setzten uns. Auf seinem Nachtschrank lagen wieder solche Mundpflegestäbchen, wie tags zuvor. Ich wickelte eines dieser Stäbchen aus und befeuchtete langsam seine Lippen und den Mundinnenraum. Vati schien es zu gefallen, also tat ich das Gleiche noch einmal. Ebenfalls auf seinem Nachtschrank stand ein Bild von seiner Frau, meiner lieben Schwiegermutter und ihm. Ich zeigte ihm dieses Bild und sagte mit leiser und ruhiger Stimme: „Vati, es wird Zeit Abschied zu nehmen. Mutti wartet auf Dich. Dort wo Du jetzt hin gehst ist es sehr schön. Dort singen die Vögel, es ist warm und die Musik spielt auch. Und Mutti kommt Dir bestimmt, dem hellen Licht entgegen.“ Und wieder verzog er, als wolle er lächeln, seinen linken Mundwinkel.
Katja indes, zog die Gardinen auf, um Licht ins dunkle Zimmer zu lassen. Wir beide beschlossen, dass große Fenster zu öffnen, damit die Seele vom Vati gehen konnte. Genau in diesem Moment, als wir das Fenster öffneten, wurde Vatis Atmung schlagartig anders. Sie war plötzlich viel ruhiger, als sei es eine Befreiung für ihn gewesen, dieses Fenster zu öffnen.
Katja und ich sahen uns an. Ebenso wie ich, hatte sie die Veränderung in seiner Atmung bemerkt. Jetzt nahm Katja ein Mundpflegestäbchen vom Nachtschrank in ihre Hand und befeuchtete ebenfalls die Lippen und den Mundinnenraum vom Vati. Wieder merkten wir, dass es Vati gut tat. Es war alles sehr emotional und immer wieder Tränen in den Augen. Die Zeit verging. Seine Augen und Wangen waren eingesunken und seine Hände wurden immer weißer und kälter. Es waren dunkle Flecke auf seinem Körper zu sehen. Manchmal hatten wir den Eindruck, dass seine Atmung aussetzte. Doch sein Herz schlug noch. Wie schon unzählige Male zuvor, kamen Katja und mir die Tränen. Es war sehr schwer, Vati so zu sehen.
Der Vormittag ging vorüber. Mittlerweile war es dreizehn Uhr geworden. Und Vati kämpfte immer noch mit dem Tod. Für Katja und mich hieß es langsam, für immer von Vati Abschied nehmen zu müssen. Denn ich hatte noch einen weiten Heimweg von zweihundertsechzig Kilometern vor mir. Zuhause wartete mein, an Demenz erkrankter Mann und Sohn vom Vati, der mit dem bevorstehenden Tod seines Vaters nicht umgehen kann, auf mich. Meine liebe Schwester, kümmerte sich in meiner Abwesenheit um ihn.
Ich streichelte Vati wieder durch sein schütteres, weißes Haar und zeigte ihm noch einmal das Bild von Mutti. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, Lebewohl sagen zu müssen. Doch ich musste es tun, so schwer es mir auch fiel. „Vati, Katja und ich müssen jetzt gehen.“ Ich küsste ihn auf seine Stirn, streichelte ihn. „Ich habe Dich ganz dolle lieb. Doch nun ist es an der Zeit, Tschüss zu sagen. Mutti wartet außerdem auf Dich und freut sich, Dich wieder zu sehen.“ Wieder verzog er etwas seinen linken Mundwinkel, als er Mutti auf dem Bild sah. Katja und ich mussten weinen. Nun war Katja an der Reihe, auf Wiedersehen zu sagen. Sie stellte sich ans Kopfende von Vatis Bett und streichelte ihn über seine eingefallenen Wangen. „Opa sei nicht traurig, wenn wir jetzt gehen. Irgendwann sehen wir uns alle wieder. Ich habe Dich lieb. Aber bevor wir gehen, schütteln wir Dir noch einmal Dein Kopfkissen auf und legen Dich noch einmal richtig hin.“ Gesagt getan. Katja hielt Vatis Kopf etwas nach oben und ich schüttelte sein Kissen auf. Dann legten wir ihn auf seinen Rücken, führten seine Arme zum Bauch und kreuzten seine Hände. Danach deckten wir ihn wieder zu.
Ich küsste Vati ein letztes Mal, streichelte ihn durch sein Haar. „Vati wir sehen uns jetzt eine lange Zeit nicht mehr. Wenn Du Mutti in Deine Arme schließt, bestelle ihr von mir und Katja und allen aus unserer Familie, liebe Grüße von uns. Und wie versprochen, wenn Du auf Deiner weißen Wolke angekommen bist, winkst Du uns zu uns passt auf uns auf. Und wir winken Dir und Mutti zurück und erinnern uns, an die schönen gemeinsam vergangen Jahre mit Euch. Ich habe Dich ganz dolle lieb.“ Tränen über Tränen. Katja erging es genauso. Ein allerletztes Mal. „Machs gut Opa. Wir werden Dich vermissen.“
Mit Tränen in unseren Augen gingen wir in Richtung Zimmertür. Wir drehten uns noch ein allerletztes Mal nach Vati um, dann verließen wir still und in großer Traurigkeit sein Zimmer. Es fiel uns verdammt schwer, Vati so zurück lassen zu müssen. Doch es nützte alles nichts. Ich musste jetzt stark sein, denn ich hatte auch noch den weiten Heimweg vor mir. Es war mittlerweile kurz vor vierzehn Uhr, als wir die Pflegestation verlassen hatten. Ich fuhr Katja noch nach Hause und verabschiedete mich von ihrem Mann. Jonas, der älteste Sohn, war unterwegs, um seine jüngeren Geschwister aus der Schule und dem Kindergarten abzuholen. Und so fuhr ich, ohne mich von den drei Kindern verabschieden zu können in Richtung Heimat. Trotz einem erhöhtem Verkehrsaufkommen, bin ich relativ gut auf der A 14 durchgekommen. Ich fuhr weiter die B 71 in Richtung Salzwedel entlang und immer in Gedanken an Vati. Als ich gerade durch Haldensleben fuhr, bekam ich einen Anruf. Meine Schwägerin war am Telefon und überbrachte mir die traurige Nachricht, vom Tod des Vaters. Mir kamen die Tränen. Und doch war ich auf einer Art froh, dass es Vati nun geschafft und er seinen Seelenfrieden gefunden hatte.
Mir blieb in diesem Moment des Anrufes nicht viel Zeit, übers Vati Tod nachzudenken. Ich musste mich auf den Verkehr konzentrieren, denn schließlich hatte ich noch einige Kilometer vor mir, bis ich in meinem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide ankommen würde. Ich rief Katja an, um ihr die traurige Nachricht, vom Tod des Vaters zu berichten. Sie beschloss, bis ich zu Hause angekommen sei, am Telefon zu bleiben. Und das war auch gut so. Tränen kullerten über mein Gesicht. Und so fuhr ich weiter und überlegte, in Letzlingen anzuhalten, um dort eine kleine Zigarettenpause einzulegen. Von Haldensleben nach Letztlingen waren es nur noch 22 Kilometer. Dort gab es eine Tankstelle und ein kleines Bistro. Als ich in Letzlingen ankam, stieg ich aus meinem Auto und zündete mir eine Zigarette an. Ich rauchte diese sehr schnell und immer wieder kamen mir Tränen. Zum Glück hatte ich Katja am Telefon. Sie war und ist mir in der schweren Zeit der Trauer, eine große Hilfe. Es war nur ein kurzer Moment des Innehaltens und schon fuhr ich wieder weiter. Im Auto beschlossen Katja und ich, meine Schwester zu informieren. Also rief ich meine Schwester auf ihrem Handy an. Ich erzählte ihr von dem traurigen Ereignis und bat sie, jeden Telefonanruf von meinem Mann fern zu halten. Denn ich wollte ihm selbst die Nachricht, über den Tod seines Vaters überbringen. Wir unterhielten uns nur kurz. Ich gab ihr noch meinen Standort durch und dann verabschiedeten wir uns. Ungefähr noch zwei Stunden Autofahrt, dann würde ich zu Hause ankommen. Natürlich wählte ich auch wieder die Nummer meiner besten Freundin. Ich war froh ihre Stimme zu hören und ich war froh, noch eine Weile mit dem Auto unterwegs sein zu müssen. Denn ich musste mich auf den Verkehr und auf das Telefonat mit Katja konzentrieren. Da blieb mir wenig Zeit, übers Vatis Tod und über die Eindrücke der Sterbebegleitung von Katja und mir, nachzudenken.
Doch auch die längste Autostrecke geht irgendwann einmal vorüber. Und so kam ich in meinem kleinen Dörfchen in der Lüneburger Heide an. Ich stieg aus dem Auto und sah von Weitem, meinen Mann und meine Schwester auf unserer überdachten Terrasse sitzen. Die Stimmung der beiden war sehr gut. Wie in Trance ging ich auf meinem Mann zu und Tränen liefen über mein Gesicht. Er sah mich kurz, mit einem Lächeln an, sah meine Tränen. Da ahnte er es schon. Noch in diesem Moment, als ich ihm entgegenlief, sagte er: „Er ist eingeschlafen, stimmts.“ Sein Gesichtsausdruck wurde ernst. Ich nickte ihm zu. Er sackte in sich zusammen, hielt seine Hände vors Gesicht und fing an, bitterlich zu weinen. Ich setzte mich zu ihm hin. Wir beide hielten uns ganz fest in den Armen. Und im nächsten Moment stand mein Mann auf und ging weinend in die Wohnung und ins Schlafzimmer. Meine Schwester die noch immer auf unserer Terrasse sah, stand auf und umarmte mich herzlich. „ Mein aufrichtiges Beileid. Aber ich fahre jetzt nach Hause und lass euch erst einmal alleine.“ Ich bedankte mich bei ihr, für ihre große Unterstützung. Und dann fuhr sie auch schon los. Ich ging zu meinem Mann ins Schlafzimmer, der weinend im Bett lag. Ich legte mich wortlos zu ihm. Zu ihm, in seine Arme. Es verging die Zeit. Mein Mann bat mich, ihn für einen Augenblick alleine zulassen. Also ging ich wieder in unseren Garten und setzte mich auf unsere überdachte Terrasse. Ich hatte einige Telefonate zu führen, denn es mussten Familienmitglieder über den Tod des Vaters, Opa und Uropa, informiert werden. Und so rief ich Einen nach dem Anderen an. In der Zwischenzeit kam auch mein Mann wieder in den Garten, mit einem Glas Bier und einem Glas Rotwein in der Hand. Er setzte sich zu mir. „Wir stoßen jetzt auf Vati an.“ Vati, als er noch lebte, trank Abends gerne eine Flasche Bier zum Abendessen und etwas später, wenn er Fern sah, gönnte er sich ein Gläschen Rotwein. Gesagt, getan. Wir erhoben unsere Gläser gen Himmel zu einer weißen Wolke, dabei sagte ich: „ Prost Vati! Auf Dich und Mutti. Ich hoffe Du bist auf Deiner weißen Wolke gut angekommen?“ Genau in diesem Moment, ploppte eine Nachricht auf meinem Handy auf. „Ich drücke Dich ganz lieb.“ Mir kamen die Tränen, aber nun wusste ich, dass Vati gut angekommen war. Ich winkte ihm und Mutti zu. „Ich habe Euch lieb und vermisse Euch so sehr!“ Wieder winkte und prostete ich zu der weißen Wolke, wo Vati und Mutti nun sitzen, um auf die Familie und mich in Zukunft aufzupassen werden. Und wenn ich jetzt immer eine weiße Wolke am Himmel entdecke, grüße ich die Beiden, winke und sage: „Ich habe Euch lieb.“

Informationen zum Gedicht: Dein Weg zur weißen Wolke

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04.08.2021
Das Gedicht darf weder kopiert noch veröffentlicht werden.
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