Psychologisierungsgefahr

Ein Gedicht von Hans Hartmut Dr. Karg
Früher lebte man nur in den eigenen Pflichten
Und man schloss Begehrlichkeiten aus.
Es ging ja darum, Brennholz zu schlichten,
Nur Dörfer lebten sich in Rivalitäten aus.

Heute ist das alles sehr geflacht,
Weichgespült sind viele Gegensätze,
Wo ständig die Deutungshoheit wacht
Über Menschen, Zwiegespräche, Sätze.

Kennt die Wissenschaft nur mehr die Sachanliegen?
Geht's nicht hintergründig um Personen?
Sucht man nicht Drittmittel leicht zu kriegen,
Wenn Kontakte müssen sich doch lohnen?

Psychologisierung hat erreicht,
Dass die Menschen in die Städte fliehen,
Wo doch alles anonym und leicht:
Lebensfroh darf man um Häuser ziehen!

Korsett gesprengt, das nur einengt -
So könnte man Befreiung nennen.
Doch wer sich krampfhafter anstrengt,
Wird Sklave oft in neuen Fängen.

Psychologie lebt Rollen aus,
Die spätestens seit Freud erdacht:
Der Arzt horcht Patienten aus
Und heilt, damit die Seele lacht.

Doch Seelenklempnerei im Alltag
Führt von freigeist'ger Rede weg,
Denn wo man das Sezieren mag,
Verfolgt Deutung oft den Machtzweck.

Neu finden sich so Machtstrukturen
Mitunter auch am Kanapee,
Und mit den vielen Seelenkuren
Treibt Mensch einsam in der Allee.

(c)Hans Hartmut Karg
2019

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Informationen zum Gedicht: Psychologisierungsgefahr

43 mal gelesen
06.09.2019
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Hans Hartmut Dr. Karg) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.
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