Nichts bleibt

Ein Gedicht von Hans Hartmut Dr. Karg
Nichts bleibt

Sie hatte an ihren Kleidern gehangen,
In ihren Schrank oft und gerne geschaut,
Weil damit Lebensgeschichten anfangen,
Die zeigen, wie damals sie schön als Braut.

Fast alles hatt' sie bis heut aufgehoben,
Zu jedem Kleid gab's etwas zu erzählen,
Was sie damit erlebt, was aufgeschoben
Und was sie auch beruflich konnte erwählen.

Dann starb die Mutter, die ihr nahe war,
Und auch die Freundinnen, die mussten gehen.
Ihr Leben war bis dahin für sie wunderbar,
Doch jetzt musste sie denen nachsehen.

Als unheilbar der Krebs sie selbst erfasst',
Musste sie beim Kleiderschrank lange weinen.
Sie spürte nun: Auf Erden sind wir nur Gast,
Anderen wird künftig die Sonne scheinen...

Wehmütig glitten ihre grauen Hände
Über die schönen Stoffe mit den Geschichten,
Doch auch damit gab so leider keine Wende,
Auch sie musste sich nach dem Schicksal richten.

Dem Ehemann ward der Wunsch aufgetragen,
Die schönen Kleider in gute Hände zu geben.
Er konnte ihr den Wunsch erfüllen und zusagen,
Dass in Erinnerung er alles werde aufheben.

Nach ihrem Heimgang und fünf Jahre danach
Gab er dann die Kleider zum Frauenbund.
Dort gab es mit Wegwurf kein Ungemach,
Denn die Frauen taten dort werbend kund:

Die Kleider sollen neue Geschichten erfahren,
Denn die Trägerinnen kleiden sich damit gern,
So dass nach lebensfrohen, vielen Jahren
Gewesenes dem weiteren Leben nicht fern.

Als der Ehemann dann die Syrerin sah,
Die das schönste Kleid seiner Liebsten trug,
Da war ihm plötzlich die Erinnerung so nah –
Und die Trauer schwand wie ein ferner Spuk!

Ihm war damit schlagartig aufgegangen:
Das Leben geht mit der Liebe weiter,
Hält sich deshalb in Trauer nicht gefangen,
Sondern bleibt auch in Zukunft mild und heiter.


©Hans Hartmut Karg
2019

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Informationen zum Gedicht: Nichts bleibt

37 mal gelesen
24.04.2019
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Hans Hartmut Dr. Karg) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.
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