Zyklus – „Nächte, die bleiben“
Ein Gedicht von
Max Vödisch
1. Einlass – Ich bin ja bekannt
2. Außenseiter – Die kühle Welt
3. Rausch I – Im Tempel des Rauschlichtes
4. Rausch II – Disco-Terror
5. Begegnung – Der falsche Abend
6. Gefahr – Ich bin keine Leiche
7. Verführung – Eros-Bar
8. Ernüchterung – Wieder ein verlorener Tag
9. Rückblick I – Asche im Neonlicht
10. Rückblick II – Disco
11. Morgen danach – Sonntagmorgen
Ich bin ja bekannt
In einer Stadt, die mich noch nie sah,
steh ich vorm Exclusiv-Club – ganz wunderbar.
Der Türsteher spricht: „Verschwinde, geh weg!“
und behandelt mich wie den letzten Dreck.
Ich lächle mild, zieh einen Schein,
„Ich bin bekannt – darf ich wohl rein?“
Er wird charmant, fast galant,
und winkt mich durch – wie elegant.
Ich bin ja bekannt,
mir stehen Türen offen.
Doch in der Presse – nie genannt,
ich leb von stillem Hoffen.
Ich bin ein Mann, der’s kann,
den Schein zum Glänzen bringen.
Ein Mann, der’s kann,
und nie beginnt zu ringen.
Ein wenig Bluff, ein bisschen Glanz,
und schon erreich ich manches Ziel –
was für andere bleibt ein ferner Tanz
und ein überwältigendes Gefühl.
Die kühle Welt
Ausdruckslose, kalte Gesichter,
sie spiegeln nur die Neonlichter.
Aufgeblasene, künstliche Gestalten,
die sich selbst für Götter halten.
Ich bleibe ein Schatten in diesem Raum,
verhöhnt als fremder, blasser Traum.
Ein Ort, so einsam und so leer,
eine Welt, die mir nicht gehört.
Der Bau ist steril, das Licht so fern,
jede Frau ein gemaltes Bild, ein Stern.
Sie nehmen mir jeglichen Schwung,
ja, unser einer wirkt naiv und jung.
Hohe Preise, eine Reise ohne Ziel,
Arroganz, die keine Grenzen kennt.
Sie sind die Sieger in diesem Spiel,
und ich ein stilles, falsches Element.
Ja, unser einer wird hier verhöhnt,
ist dieses Spiel nicht geübt, nicht gewöhnt.
In dieser Disco, exklusiv und frei,
bin ich niemals wirklich dabei.
Die Schickeria mag mich nicht,
zeigt mir ihr borniertes Gesicht.
Ja, unser einer wird hier verhöhnt –
wo jeder kalte Blick im Eis-Echo tönt.
Im Tempel des Rauschlichtes
Ich taumle durch das Neonlicht,
mein Herz – ein müder Widerspruch.
Die Nacht verspricht, doch hält sie nicht,
ihr Glanz – ein Trugbild, ein fließender Bruch.
Im Tempel aus flackerndem Schein
tanzt mein Schatten müde Kreise.
Ich greife nach Sternen, klein und rein –
sie zerspringen, lautlos, leise.
Die Göttin dort – ein flüchtiges Bild,
verhüllt in Glanz und falschem Traum.
Ihr Lächeln schön, doch ungestillt,
ihr Blick: ein Rätsel ohne Raum.
An der Bar zählt man die Stunden
in Gläsern voll von leerem Glück.
Zwei Hunderter – versoffen, verschwunden,
mein Stolz zerrinnt, Stück für Stück.
Sie spricht von Nähe, Treue, Mut,
von Liebe, die auf Ewigkeit schwört.
Ich lache still – mit bitterer Glut,
die tief im kalten Herzen stört.
Der Morgen kommt, verkatert, leer,
die Seele friert im blassen Rauch.
Ich frage mich: „Was will ich mehr?“ –
die Antwort stirbt im Lärmverlauf.
Ich taumle durch das Neonlicht,
mein Herz – ein müder Widerspruch.
Die Nacht verspricht, doch hält sie nicht,
ich hab von diesem Rauschlicht genug.
Disco - Terror
Ich fühle mich so lasch und matt,
ich habe einfach den Disco-Terror satt.
Kommt man in einen solchen Laden,
sieht man eine Superfrau,
ach was für ein Schaden,
aus der wird man auch nicht schlau.
Ich gehe hin,
quatsch sie an,
und merke, da ist nichts drin,
ich bin eben arm dran.
Ich hänge an der Bar herum,
kommt so eine 2 1/2 Zentner schwere Keule,
die sieht in mir einen heißen Braten,
ich denke mir noch,
wenn sie nur ein bisschen schöner wäre, die Eule,
sie aber will mich gleich heiraten.
Nein, ich verzichte, ich bin doch nicht so dumm.
Am nächsten Tag, noch ziemlich benommen,
wach ich auf,
gestern, da war ich wieder einmal voll drauf.
Ich suche meine 200 Euro,
die sind verschwunden,
die müssen sich umgewandelt haben in alkoholische Runden.
Ich habe die Schnauze voll
und frage mich, was das alles soll.
Ich fühle mich so lasch und matt,
ich habe einfach den Disco-Terror satt.
Der falsche Abend
Sie trat herein mit leichtem Schritt,
ein Lächeln nahm den Raum schon mit.
Ein Blick genügte, still und klar,
als ob der Abend freundlich war.
Wir stießen an mit einem Bier,
sie blieb ganz selbstverständlich hier.
Wir lachten viel, die Zeit verging,
weil uns ein tiefes Wort umfing.
Ich dachte leis: Wer weiß, vielleicht
hat dieser Abend mehr erreicht.
Doch manchmal täuscht das erste Licht,
es zeigt den ganzen Weg noch nicht.
Sie fragte schließlich nach dem Sinn,
wer ich wohl ohne Maske bin.
Ich sprach von Freiheit, wenig Geld,
von einem Platz in dieser Welt.
Sie schwieg für einen Augenblick,
dann sah sie kühl auf uns zurück:
„Ich wünsche mir ein sichres Leben,
und ein von Glanz erfülltes Streben.“
Da wusste ich, wohin sie sieht,
und dass uns keine Nähe blüht.
Wir lächelten uns beide an,
doch keiner hielt den andern dann.
Ich zahlte still mein letztes Bier,
die Nacht blieb freundlich, nur mit mir.
Nicht jeder Traum wird Wirklichkeit,
wenn uns das Leben still entzweit.
So ging ich heim durch kalten Wind,
wo Hoffnungen vergänglich sind.
Ich dachte nur beim letzten Schein:
Es sollte wohl nicht unser sein.
Ich bin keine Leiche
Ich trat in eine fremde Bar,
der Rauch lag schwer, das Licht war klar.
Ein Lächeln traf mich wie ein Schein,
ihr Blick – so still, so ganz allein.
Ein Drink, ein Wort, ein kurzes Spiel,
ihr Wesen warm, nicht viel zu viel.
Sie nahm mich auf, ganz ohne List,
als wär ich mehr – als was man vergisst.
Doch aus dem Dunkel trat ein Mann,
sein Blick war kalt, sein Schritt begann.
Ein Messer blitzte – Drohung pur,
mein Herz schlug laut in wilder Spur.
Die Angst war groß, mein Mut zu klein,
der Atem flach – ich war allein.
Ich rannte raus, mein Herz war schwer,
doch lebte ich – und das zählt mehr.
War’s feige? Vielleicht. War’s klug? Vielleicht.
Ich wählte das Leben – nicht die Schlacht.
Denn Heldentum ist oft nur Schein,
ich bin ein Mensch – nicht Stahl, nicht Stein.
Ich bin kein Opfer, keine Leiche,
kein Held, kein Narr, kein stummer Zeuge.
Ich lebe – und das ist meine Kraft,
mein Weg, mein Recht, mein Lebenssaft.
Eros-Bar
Gestern gingst du dort hinein,
in eine Bar so hell und fein.
Eine Schönheit nahm dich aus,
du warfst 1000 € einfach raus.
Durftest du sie wenigstens berühren,
durftest du sie ein wenig verführen?
Die Luft war süß, die Stimmung schön,
doch dein Geldbeutel ist leer – nichts zu sehn.
Du warst so klug, so voller List,
darum hab ich kein Mitleid gewiss.
Ich kann dir keine tausend Euro leihen,
deine Frau wird dir schon verzeihen.
Glaube mir, in den Läden herrscht ein falsches Spiel,
mit knallharter Ausbeutung als Ziel.
Vergnügen kostet mehr als man denkt,
und mancher Traum wird bitter verschenkt.
Drum merk dir dies bei jedem Schritt:
Eros lockt, doch man zahlt den Hit.
Die Lehre liegt klar vor deinem Blick:
Wer sich verliert, bezahlt den Preis zurück.
Wieder ein verlorener Tag
Ich sitze stumm im grellen Licht
eines Ladens, der vom Trieb verspricht.
Bilder flimmern billig, laut und leer,
mein Inneres bleibt kalt und schwer.
Die Luft ist dicht, von Rauch durchzogen,
der Profitgedanke bleibt verwogen.
Die Leere schreit, steril und grell –
ein Ort, der bricht die Würde schnell.
Kein Funken Wärme, kein Gefühl,
bis plötzlich – zu nah, zu viel –
ein Betrunkener taumelt auf mich zu,
als wär ich ihm vertraut im Nu.
Ich reiche stumm die Hand, schau auf die Uhr,
die Welt bleibt fremd, mein Herz ist stur.
Ein Blick, ein Schlag,
wieder ein verlorener Tag.
Ich steh nun auf, verlasse den Ort,
den grellen, kalten, dumpfen Hort.
Mit Hoffnung, dass ich ihn nie mehr seh,
denn dieser Laden tut schon von außen weh.
Asche im Neonlicht
Die Nacht – ein schwarzes Feld,
auf dem Lichter zucken
und Menschen gesetzt werden
wie Figuren ohne Wert.
Die Musik hämmert.
Nicht laut –
sondern unerbittlich.
Ein Bass, der tiefer geht
als jedes Wort.
Schönheit flackert
auf in Gesichtern,
als hätte das Neon
sie nur ausgeliehen,
doch hinter der Schminke
nur ein Blick,
der niemanden mehr sucht.
Am Tresen
kippt der Alkohol die Wahrheit um,
macht aus Sehnsucht
kleines Geld
und aus Geld
stille Gläser.
Körper streifen sich
wie Fremde im Vorübergehen,
als wollten sie prüfen,
ob sie noch aus Haut bestehen.
Die Nacht dreht weiter,
als hätte sie kein Ende –
bis der Morgen
die Lichter löscht
und alles zurückfordert.
Ein leeres Portemonnaie,
ein trockener Mund
und irgendwo dazwischen
ein Echo,
das sich weigert,
ganz zu verstummen.
Disco
Die Nacht – ein schwarzes Schachbrett,
auf dem Lichter wie Könige tanzen
und Menschen wie Bauern
Zug um Zug geopfert werden.
Die Musik hämmert,
als wollte sie das Denken erschlagen,
und jeder Schlag des Basses
ist ein Takt im Metronom der Vergänglichkeit.
Und irgendwo zwischen Rauch und Licht
haucht Donna Summer „Love to Love You, Baby“ –
ein flirrendes Versprechen aus Klang,
so sinnlich wie künstlich,
ein Augenblick von Schönheit,
der im nächsten Bassschlag verglüht.
Doch hinter der Maske aus Schminke
wohnt nicht die Seele,
nur das Echo eines Marktes,
der Körper wie Ware preist.
Am Tresen verschluckt der Alkohol
die letzten Reste von Wahrheit,
verwandelt Sehnsucht in Münzen
und Münzen in leere Gläser.
So taumeln wir in einem Reich der Schatten,
wo Nähe bloß Reflex ist
und Liebe ein Tauschgeschäft.
Die Disco – ein Mikrokosmos,
der das Antlitz der Welt enthüllt:
grell, laut, verführerisch
und doch leer wie ein erkalteter Stern.
Am Morgen bleibt nichts
als die Asche des Rausches,
ein beraubtes Portemonnaie
und ein Körper, der fragt,
wohin die Seele in der Nacht verschwunden ist.
Und ich erkenne:
Die Disco ist kein Ort,
sondern ein Spiegel des Menschen –
ein Tanz auf der Kante des Nichts,
ein Ritual der Vergänglichkeit,
bei dem wir uns selbst verlieren.
Sonntagmorgen
Der Tag beginnt mit falschem Licht,
das grell durch blasse Lider bricht.
Die Zeit steht still im Glas von gestern,
wo sich Staub und Geist verschwestern.
Die Uhr tickt in die leere Luft,
vorbei der Lärm, der nach mir ruft.
Das Atmen fällt im Zimmer schwer,
die Welt da draußen wirkt so leer.
Doch während noch der Nebel zieht
und leise durch das Dunkel sieht,
der erste Rauch, der silbern glüht,
wie eine Sonnenblume, die blüht.
Die Glocken klingen weit und hohl,
ein Abschiedsgruß, ein Lebewohl
an jenen Glanz, der nachts noch schien,
nun ist er grau und längst dahin.
So zieht der Sonntag bleiern schwer,
ein Schiff auf einem fahlen Meer.
Ich warte, bis der Dunst entweicht
und mir der Tag die Hände reicht.
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