Wo meine Seele ruht..
Ein Gedicht von
Marcel Strömer
Des Morgens, da der Tau noch schweigt im Gras,
erhebt sich mir die Welt wie neu geboren;
kein Tag gleicht je dem andern, denn dein Maß
hat alles Sein in stetem Wandel verloren.
Was gestern war, vergeht im ersten Licht,
und neu ersteht, was deinem Willen folgt.
Des Nachts jedoch, wenn Schlaf mein Auge bricht
und mich in dunkle Hallen niederbeugt,
da trittst du ein in Traum und Zeichenwort,
in Farben tief wie Erz und Sternenbrand;
nicht greifbar bist du, doch an jedem Ort
durchdringt dein Hauch das Denken wie ein Band.
So mahnt mich jede nächtlich stille Schau,
wie wundertief das Leben mir vertraut.
Denn alles Tun, es fällt auf mich zurück,
kein Schritt verhallt im leeren Zeitenlauf;
Ursach und Wirkung, hartes Weltgeschick,
sie ziehen ihren Kreis unfehlbar auf.
Du bist mir Sonne, die den Tag entzündet,
du bist mir Mond, der über Schuld und Ruh
sein bleiches Licht der Prüfung leise gründet
und alles misst, was ich zu werden tu.
In deinen Händen ruht mein müdes Sein
wie Kind im Schoß der ersten Sicherheit;
du bist mir Vater streng und doch nicht klein,
du bist mir Mutter voller Sanftmut weit.
Beschützer bist du, wenn die Furcht mich schreckt,
und Richter, wenn mein Herz sich selbst betrügt;
kein falsches Wort bleibt vor dir unentdeckt,
kein heimlich Tun, das deiner Waage flieht.
Wenn Feinde nahn aus meiner eignen Brust
oder aus jener Welt voll Neid und Zorn,
dann spannst du mir dein Schild aus stiller Lust
und brichst die Macht von Pfeil und scharfem Dorn.
Du gießt mir Kraft, wo ich schon kraftlos bin,
und birgst mein Herz vor lähmender Gewalt;
so wird mein Schwachsein neu zu Sinn und Zweck
und Angst verwandelt sich in festen Halt.
Ich knie vor dir, doch niemals sah mein Blick
dein Angesicht aus Fleisch und leuchtend Licht;
und dennoch bist du näher mir als ich,
denn deine Nähe braucht die Augen nicht.
Ich spüre dich im Schlag von meinem Herz,
im Atemzug, der mich dem Staub enthebt;
du füllst mein Innerstes mit stillem Schmerz,
der süß ist, weil er mich zum Leben hebt.
So bleib mir fern und näher als mein Blut,
verborgen hoch und dennoch ganz bei mir;
denn was mich trägt in Schuld und Übermut,
das bist allein und ewiglich nur du!
© Marcel Strömer
[Magdeburg, 04.02.2026]
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