Wenn Worte zu schwer sind
Ein Gedicht von
Stay Strong
Ich kenne die Geschichte doch.
Ich weiß, was passiert ist.
Ich könnte sie erzählen, als wäre sie nur etwas, das hinter mir liegt.
Ein Abschnitt. Ein Ereignis. Etwas, das vorbei ist.
Und trotzdem…
bleibt meine Stimme stehen.
Noch bevor ein Wort entsteht, ist da dieses Ziehen in meinem Oberkörper.
Dieser Druck.
Als würde etwas in mir leise sagen:
„Bitte nicht.“
Warum?
Weil es nie nur eine Geschichte war.
Weil mein Körper sich erinnert, auch wenn mein Kopf längst weiter will.
Weil da etwas in mir ist, das damals zerbrochen ist
und sich bis heute zusammenhält,
indem es schweigt.
Ich merke es im Hals.
Dieses Engwerden.
Als würde ich versuchen zu sprechen,
während mir gleichzeitig die Stimme wegbleibt.
Und dann ist da dieses Wort.
vergewaltigt.
Ich denke es manchmal. Ganz leise.
Aber aussprechen?
Es fühlt sich an, als würde ich etwas heraufbeschwören,
das ich kaum halten kann.
Etwas, das zu groß ist,
zu echt,
zu nah.
Also gehe ich drum herum.
Mache es kleiner. Weicher.
Finde andere Worte, die nicht so schneiden.
So wie in Harry Potter
mit dem Namen von Lord Voldemort.
Der, dessen Name nicht genannt wird.
Weil alle spüren:
Wenn man ihn ausspricht, wird er real.
Er bekommt eine Form, ein Gewicht,
er bekommt Nähe.
Als würde man etwas berühren,
das man eigentlich auf Abstand halten will.
Und gleichzeitig klingt da dieser Satz in mir nach:
„Angst vor einem Namen macht nur noch größere Angst vor der Sache selbst.“
Und ich weiß, dass es stimmt.
Und trotzdem fühlt es sich nicht so einfach an.
Denn meine Angst ist nicht nur das Wort.
Meine Angst ist,
dass ich, wenn ich darüber spreche,
wieder hineinrutsche.
Das die Bilder wieder klarer werden.
Das mein Körper wieder reagiert,
als wäre es nicht vorbei.
Das Gefühle hochkommen,
die ich damals nicht fühlen konnte
und dass sie zu viel sind.
Zu groß. Zu überwältigend.
Das sie mich überschwemmen
oder sich in mir ausbreiten,
ohne dass ich weiß, wohin damit.
Und gleichzeitig habe ich Angst davor,
dass genau das Gegenteil passiert:
Das die Gefühle zwar irgendwo da sind,
aber ich keinen Zugang finde.
Das ich sie spüre und doch nicht zulassen kann.
Das ich wie abgeschnitten bin von dem,
was eigentlich in mir lebt.
Ich habe Angst,
dass ich die Kontrolle verliere.
Das meine Gedanken durcheinander geraten,
dass meine Stimme bricht,
dass mir plötzlich die Worte fehlen,
dass ich vielleicht weine
und nicht weiß, wohin mit mir.
Und ich habe Angst vor der Situation selbst.
Vor diesem Moment,
in dem es Worte werden.
Nicht mehr nur in mir,
sondern wirklich zwischen mir und der Person, die zuhört.
Nicht nur gedacht,
sondern da, spürbar, kaum zu fassen.
Das es sich verändert.
Das es schwer wird.
Das ich mich darin verliere
oder mich plötzlich ganz klein fühle.
Und vielleicht ist da auch die Angst,
wirklich gesehen zu werden
in etwas, das ich selbst kaum halten kann.
Und vielleicht auch vor diesem einen Gedanken,
der so leise ist und trotzdem da:
Wenn ich es ausspreche,
dann ist es endgültig wahr.
Dann gibt es kein „Vielleicht war es nicht so schlimm“.
Kein Zurück in ein Dazwischen.
Dann ist es genau das.
Und ich…
bin die, der das passiert ist.
Und dieser Gedanke trifft mich jedes Mal
wie eine Welle, die mir die Stimme nimmt.
Still. Schwer.
So schwer, dass ich manchmal vergesse, weiterzuatmen.
Es ist nicht die Unwissenheit, die mich aufhält.
Es ist die Wahrheit.
Die Tiefe davon.
Die Endgültigkeit.
Und all die Gefühle, die darunter liegen
wie ein stilles, dunkles Meer:
Traurigkeit,
die sich anfühlt, als würde sie nie ganz gehen.
Angst, die sich in jede Faser zieht.
Scham, die leise flüstert, obwohl sie nicht mir gehört.
Wut, brennende Ungerechtigkeit,
die keinen sicheren Platz findet.
Ausgeliefertsein, das sich im Körper festgesetzt hat.
Alleinsein, selbst wenn jemand da ist.
Hass, Trauer, verzweifelte Hilflosigkeit
Gefühle, die da sind,
aber die ich kaum halten kann.
Und diese stille Verzweiflung,
für die es oft keine Worte gibt.
Manchmal fühlt es sich an,
als würde ich an einer Tür stehen,
die ich selbst nicht ganz öffnen kann.
Weil ich weiß,
dass dahinter nicht nur Worte sind,
sondern genau diese Gefühle,
die damals keinen Platz hatten.
Also bleibe ich hier.
Mit meiner stockenden Stimme.
Mit diesem Wort, das ich nur denken kann.
Und vielleicht ist das kein Versagen.
Vielleicht ist es der vorsichtige, ehrliche Teil von mir,
der sagt:
„Du darfst langsam gehen.“
Vielleicht bedeutet es nicht,
dass ich es nie sagen werde.
Sondern nur,
dass ich es nicht allein,
nicht plötzlich,
und nicht ohne Halt sagen muss.
Und vielleicht…
ist schon dieser Moment
in dem ich spüre, wie schwer es ist,
in dem mir die Stimme stockt,
in dem ich nicht weiterkomme
schon ein Teil davon,
mich ganz leise
wieder zu mir selbst zurückzufinden.
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