Vom ironischen Wandel der Natur.
Ein Gedicht von
TIMO ERTEL
Es fließt der Bach, es fällt das Blatt,
weil beides wohl Bewegung hat.
Der Morgen kommt, der Abend geht –
und keiner fragt, ob’s uns versteht.
Das Feuer frisst sich durch das Holz,
erst knistert’s laut, dann glimmt es stolz.
Das Wasser trägt, die Erde hält,
die Luft verweht den Rest der Welt.
Der Mensch indes, nicht ganz bequem,
fragt sich: „Was ist denn nun das Sein?“
Und ehe er die Antwort kennt,
hat sich die Frage schon verrennt.
Heraklit sprach: „Es fließt!“ – sehr fein.
Parmenides: „Es kann nicht sein!“
Der eine sah den Strom im Lauf,
der andre hielt das Ganze auf.
Vielleicht war keiner ganz verkehrt,
weil Wahrheit selten einzeln fährt.
Was heute fällt, wächst morgen neu,
und Wandel bleibt sich selber treu.
Ein Blatt vergeht, der Baum bleibt stehn –
doch auch der Baum wird weitergehn.
Er wächst, verliert, treibt wieder aus:
Beständigkeit sieht anders aus.
Der Mensch erkennt sich Stück für Stück,
mal mit Verstand, mal mit Geschick,
mal dort, wo er sich sicher glaubt,
mal wo das Unbewusste raubt.
Nicht jedes Bleiben heißt Bestand,
nicht jede Neuerung Verstand.
Wer alles ändert, nur weil’s geht,
merkt manchmal spät, was nicht mehr steht.
Auch Freiheit ist kein Freifahrtschein,
nicht Wunsch allein kann Maßstab sein.
Wer tun kann, was ihm grad gefällt,
trägt trotzdem Folgen in die Welt.
So geht die Welt durch Licht und Nacht,
verändert sich und bleibt bedacht.
Das Sein, so scheint’s bei näherm Blick,
geht vorwärts – manchmal auch zurück.
Und wer am Ende wissen will,
was bleibt, der werde einmal still:
Nicht Stillstand hält die Dinge fest –
der Wandel prüft, was bleiben lässt.
© Timo Ertel, 2026
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