Unter der Tapete

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Der Koffer steht im Flur.

Zum ersten Mal seit Jahren
reicht der Schlüssel wieder
bis zum Anschlag.

Das Haus soll verkauft werden.

Die Mutter hat die Bilder abgenommen.
Helle Rechtecke
halten ihre Plätze frei.

Neben der Küchentür
löst sich die Tapete.

Darunter die Bleistiftstriche:
zwei Kinder,
Jahr für Jahr
an derselben Wand gewachsen.

Links hören die Striche auf.
Rechts steigen sie weiter,
durch den Sommer,
durch das Jahr.

Auf allen Formularen stand:
Einzelkind.

Die Mutter kommt mit Kleister.
Ihr Blick bleibt
an der offenen Stelle hängen.

Dann stellt sie den Eimer ab.
Vom unteren Rand
lässt sich die Tapete
in einer einzigen Bahn lösen.

Unter dem letzten Strich
kommt ein Name frei.

Die Mutter spricht ihn aus.

Zum ersten Mal
muss er durch das ganze Haus.

Informationen zum Gedicht: Unter der Tapete

05.10.2026
3 mal gelesen
Danke für deine Rückmeldung.
Dieses Gedicht hat 0 Leser gefallen und 1 Leser berührt.
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Chandrika Wolkenstein) für private Zwecke frei verwendet werden. Hier kommerzielle Anfrage stellen.