Überfahrt

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Auf offener See
wirft das Schiff
seine Treppen ab.

Sie stehen einen Augenblick
im Wasser,
Stufe um Stufe.
Dann kriecht das Meer hinauf.

Unter Deck
brechen die Türen aus den Rahmen.
In den Kabinen hebt es die Schlafenden
aus den Mulden ihrer Betten.

Die Bullaugen saugen sich voll.
Das Schiff holt Luft,
und die Koffer fliegen auf.

Kleider treiben durch die Gänge.
Ärmel greifen
nach den Händen der Passagiere.

Schrauben drehen sich
aus ihren Gewinden.
Nieten fallen
in die Tiefe.

Jemand presst den Kabinenschlüssel
gegen die weich gewordene Wand.
Um seine Faust
schließt sich stummes Zittern.

Die Motoren setzen aus.
Das letzte Licht
verliert seinen Halt.

Als der Kiel sich biegt,
reißt am Heck die Flagge.
Noch lange treiben Fetzen
über dem dunklen Rücken.

Darunter
übt ein ungeheures Herz
den nächsten Schlag.

Informationen zum Gedicht: Überfahrt

09.10.2026
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