Späte Reue eines Sohnes, der sich selbst verlor

Ein Gedicht von Ingrid Baumgart-Fütterer
-Fiktion –

-1-
Mutter, ich weine mir nach dir die Augen aus.

Deine Liebe hatte ich mit Füßen getreten,
obwohl du die Einzige warst, die mich
bedingungslos von ganzem Herzen liebte.
Du hattest dich für mich aufgeopfert
und wärst für mich, falls nötig, ohne
zu zögern, durchs Feuer gegangen.
-2-
Mutter, ich verachte mich für meine Lieblosigkeit
dir gegenüber.

Deine unermüdliche Zuwendung war
für mich selbstverständlich, kein Wort des
Dankes kam mir über die Lippen,
ich nutzte dich aus bis zum Geht-nicht-mehr,
belog und betrog dich nach Strich und Faden
ohne irgendwelche Gewissensbisse.
-3-
Mutter, ich bereue so sehr, was ich dir antat

Ich hatte mich von dir losgesagt, verschwand
über Nacht „spurlos“ aus deinem Leben,
hatte nicht einmal Worte des Abschieds
für dich übrig, wollte nur weg von deiner
Liebe, die mich zu ersticken drohte und
in meinem Herzen die Glut des Hasses schürte,
die meine Seele zu versengen und meine
Identität eines Tages auszulöschen drohte.
-4-
Mutter, ohne dich verlor ich den seelischen Halt

Ich stürzte mich blindlings ins Unglück,
geriet auf die schiefe Bahn und von da an
in einen Abwärtsstrudel, der mich in die
Gosse spülte und dessen Sog ich nicht
entkommen konnte – ich ging vollends unter,
verwahrloste, war verwirrt, orientierungslos,
war nicht mehr Herr meiner Selbst, sank hinab
in den Pfuhl von Angst, Schuld und Scham.
-5-
Mutter, die Sehnsucht nach dir, brennt mir im Herzen

Als ich von deinem Tod erfuhr, verkrampfte
sich mein Herz, schmerzte heftig, wie von
unsichtbaren Dolchen durchbohrt, bald darauf
durchzog ein unsäglicher Schmerz der Einsamkeit,
Reue, Schuld und Scham mein ganzes Sein und
die unstillbare Sehnsucht nach dir brannte mir im
Herzen wie ein Höllenfeuer, das mich allmählich
verzerrte, mich seelisch grausam entstellte.
-6-
Mutter, ich vermisse dich so überaus schmerzlich

Mein inneres Kind versinkt in einem
Meer von bitteren Tränen, sein ersticktes
Schluchzen erschüttert meine Seele, die sich
wie unter Hammerschlägen vor Schmerz
zusammenkrümmt, sich auflösen möchte,
weil der letzte Lichtstrahl der Hoffnung
erloschen ist, eisige Dunkelheit mich umfängt
und ich innerlich schon abgestorben bin.

Zu spät! Oder doch nicht?

Mutter, ich hoffe so sehr, dass wir uns im Jenseits
wiedersehen werden. Ich liebe dich mit jeder Faser
meines Herzens!

Informationen zum Gedicht: Späte Reue eines Sohnes, der sich selbst verlor

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12.03.2026
Das Gedicht darf unter Angabe des Autoren (Ingrid Baumgart-Fütterer) für private und kommerzielle Zwecke frei verwendet werden.