Nasser Sand

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Nach allem
steht sie allein am Meer.

Nach der Liebe,
nach der Arbeit,
nach einer Hoffnung,
die zu lange
ihren Mantel anbehielt.

Genauer muss man es nicht sagen.

Das Meer fragt nicht,
welche Art von Ende
man mitgebracht hat.

Es nimmt alles
mit derselben nassen Hand:
Muscheln,
Plastikdeckel,
Fußspuren,
Namen,
die jemand zu spät
noch einmal ausspricht.

Die Wellen kommen
und gehen,
als hätten sie Termine
mit der Gleichgültigkeit.

Fast unhöflich,
dieses Zurückkehren
ohne Absicht
zu bleiben.

Sie steht barfuß
im nassen Sand.

Ihre Schuhe liegen hinter ihr,
mit Sand in den Nähten
und keiner Meinung
zum Abschied.

Mit dem Finger
schreibt sie einen Namen.

Nicht schön.
Nicht leserlich.
Eher eingeritzt
als geschrieben.

Der Sand gibt nach,
wie etwas,
das müde ist
vom Festhalten.

Dann kommt die Welle.

Sie legt sich darüber
mit weißem Mund.

Der Name verschwindet.
Natürlich verschwindet er.
Das Meer ist geübt darin,
keine Beweise
zu hinterlassen.

Sie wartet,
bis das Wasser zurückläuft.

Dann schreibt sie ihn noch einmal.
Kleiner diesmal.
Trotziger.
Nicht, weil es hält.
Sondern weil auch das Vergebliche
eine Handschrift hat.

Informationen zum Gedicht: Nasser Sand

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14.06.2026
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