Narben

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Wir übersahen einander.
Zu groß war der Abstand der Jahre,
zu schmal mein Blick für deinen leisen Schmerz .
Unsere Mutter,
so unbeholfen in Zärtlichkeit,
ließ dich oft ohne Trost,
mit einem Maßband,
das dir schon früh den Atem nahm.
Ich sah dein Ringen,
wie man Regen sieht.
Man hört ihn,
man geht trotzdem weiter.
Nun ist deine Rüstung aus Eisregen gegossen,
aus all den Wintern deiner Kindheit,
in denen niemand dich wärmte.
Jetzt trägst du Frost
wie deine zweite Haut.
Ein einziger Riss reicht,
ein Lichtfaden,
und du siehst:
Unsere Risse tragen die gleichen Muster:
Wir haben Narben
aus derselben Werkstatt.

Informationen zum Gedicht: Narben

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01.02.2026
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