Heute nur den Schrank

Ein Gedicht von Chandrika Wolkenstein
Die Toten brauchen kein Aspirin.
Ich stehe vor dem Badezimmerschrank
und lese das Verfallsdatum.

Du hättest sie noch genommen.
Wegen ein paar Monaten,
hättest du gesagt,
verliert so eine Tablette
doch nicht den Verstand.

Dein Rasierpinsel steht daneben.
Die Borsten schief,
am Griff ein Rest Seife.

Ich wollte heute aufräumen.
Das hatte ich mir
für nach dem Frühstück vorgenommen.

Nun ist es fast Mittag.
Ich sitze auf dem Wannenrand
und halte eine Packung,
die niemand mehr braucht.

Ausgerechnet du,
der jede Tablette
mit einem halben Glas Wasser
und großem Misstrauen schluckte,
hast mir die ganze
Hausapotheke hinterlassen.

Etwas gegen Husten.
Etwas für den Magen.
Die Salbe für dein Knie.

Ich stelle alles
auf die Waschmaschine.

Wische die Regalböden ab.
Warte, bis sie trocken sind.

Dann räume ich
meine Sachen ein.
Sie brauchen kaum
den halben Platz.

Den Rasierpinsel
stelle ich wieder dazu.
Du wirst dich gedulden müssen,
sage ich.

Heute schaffe ich
nur den Schrank.

Informationen zum Gedicht: Heute nur den Schrank

28.10.2026
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