Einer saß am Fenster
Ein Gedicht von
Robert Späth
Er saß am Fenster, Nacht für Nacht,
und hat sich nie viel draus gemacht.
Ein Lächeln hier, ein „Alles gut“,
als wäre hinter ihm stets Mut.
Er ging zur Arbeit, kam nach Haus,
sah aus wie immer, lebte aus.
Und keiner fragte wirklich nach,
was in ihm lebte, wenn er nachts erwacht.
Bis eines Abends, kurz nach zehn,
blieb jemand vor der Tür noch stehen.
Kein großer Anlass, kein Warum,
nur ein Besuch, ganz still, ganz stumm.
„Du siehst nicht aus, als wärst du fein.“
„Ach was, das bildest du dir ein.“
Der andre nickte, ging nicht fort,
und plötzlich fehlten ihm das Wort.
Er starrte lange auf den Tisch,
als wär dort etwas, das zerbricht.
Dann fiel ein Satz, kaum hörbar, schwer:
„Ich kann einfach und will nicht mehr.“
Und nichts geschah. Kein kluger Rat,
kein Satz, der alles heilgemacht.
Nur jemand, der die Stille hielt,
als wäre sie ein Teil von ihm.
Die Stunden gingen, draußen fror's,
doch keiner stand vom Stuhle auf.
Und als der Morgen langsam kam,
war nichts gelöst, nichts ungeschehen.
Doch etwas hatte sich verändert,
ganz leise, ohne großes Wort.
Zum ersten Mal seit langer Zeit
war seine Dunkelheit nicht nur sein Ort.
Seitdem, wenn ihn das Leben beugt,
wenn seine Stimme plötzlich schweigt,
dann weiß er, wo er klingeln kann,
und dass er nicht erklären muss, warum.
Denn manchmal rettet dich kein Held,
kein Wunder und kein neues Leben.
Manchmal ist es nur ein Mensch,
der bleibt, wenn andre längst schon gehen.
Und Jahre später, spät im Herbst,
stand jemand vor der Tür, der weint.
Er öffnete, trat einen Schritt zurück
und sagte nur: „Komm rein.“
Draußen fiel der erste Schnee.
Drinnen kochte längst der Tee.
Und während einer endlich sprach,
saß einer da und hörte einfach nach.
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