Die Frau am Fenster
Sie sitzt am Fenster,
als säße sie am Rand ihres eigenen Lebens.
Draußen gehen Menschen vorbei,
mit Einkaufstaschen,
mit Telefonen am Ohr,
mit Kindern,
die sich losreißen
und wieder eingefangen werden.
Die Mutter sieht ihnen zu.
Nicht neidisch,
sagt sie sich.
Nur müde.
Sie hat ihre Töchter lange nicht gesehen.
Der Satz ist einfach,
aber er passt nicht in den Mund.
Er bleibt stecken
hinter den Zähnen,
wird dort kleiner,
härter,
ein Kern.
In ihrer Wohnung riecht es nach Tee,
nach gewaschener Wolle,
nach einem Leben,
das niemand mehr durcheinanderbringt.
Früher lagen überall Dinge.
Haarbürsten.
Schulhefte.
Lippenstifte.
Nasse Handtücher.
Wut.
Jetzt ist alles an seinem Platz.
Das ist das Schreckliche.
Die Stille hat aufgeräumt.
Auf dem Tisch steht eine Vase
mit drei trockenen Stielen.
Sie werfen Schatten
wie dünne Finger.
Die Mutter denkt daran,
eine der Töchter anzurufen.
Dann denkt sie daran,
nicht stören zu wollen.
Zwischen diesen beiden Gedanken
vergeht der ganze Nachmittag.
Als es dunkel wird,
sieht sie ihr Spiegelbild im Fenster.
Eine Frau,
die in die Nacht schaut.
Und hinter ihr
ein Zimmer,
das so leer ist,
dass sogar das Licht
vorsichtig geht.
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