Der Täter lebt sein Leben weiter. Ich muss mit den Folgen leben.

Ein Gedicht von Stay Strong
Es macht mich unendlich traurig und wütend, dass Männer, die mir so viel angetan haben, ihr Leben einfach weiterleben können, als wäre nie etwas passiert. Vielleicht haben sie längst eine eigene Familie, sind glücklich und führen ein ganz normales Leben. Während ich bis heute mit den Folgen kämpfen muss, die sie in meinem Leben hinterlassen haben.

Sie können vielleicht vergessen, was sie getan haben. Ich kann nicht einfach vergessen, was mir passiert ist. Ich kann nicht einfach einen Schalter umlegen und so weitermachen, als hätte es mich nicht verändert. Denn während für sie vielleicht alles längst Vergangenheit ist, ist es für mich etwas, das mich mein Leben lang begleiten wird.

Und als wäre das alles nicht schon schwer genug, muss ich mich als Betroffene oft auch noch rechtfertigen. Was hatte ich an? Habe ich Alkohol getrunken? Habe ich deutlich genug Nein gesagt? Warum habe ich mich nicht gewehrt? Warum habe ich nicht früher etwas gesagt? Als müsste ich beweisen, dass ich es nicht verdient habe, dass mir so etwas passiert. Dabei sollte nicht mein Verhalten infrage gestellt werden, sondern die Entscheidung des Menschen, meine Grenzen zu überschreiten.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum so viele schweigen. Weil sie Angst haben, dass ihnen nicht geglaubt wird. Weil sie Angst vor den Fragen, den Blicken und den Zweifeln haben. Weil sie nicht noch einmal alles durchleben möchten, was sie ohnehin schon kaum verarbeiten können.

Und wisst ihr, was mich daran besonders traurig macht? Nicht selten sind es die Opfer, die in Therapie gehen müssen, um zu verarbeiten, was ihnen angetan wurde, während die Täter einfach weitermachen. Ich bin es, die lernen muss, mit den Erinnerungen zu leben. Ich bin es, die mit Ängsten kämpft, Vertrauen wieder aufbauen muss und versucht, die Scherben meines Lebens zusammenzusetzen, das durch andere Menschen verändert wurde. Ich bin es, die Hilfe braucht, um mit den Folgen einer Tat zurechtzukommen, die ich mir niemals ausgesucht habe.

Selbst der Wunsch nach einer eigenen Familie, nach Liebe und Geborgenheit, ist für mich mit Angst verbunden. Wie soll ich einem Mann vertrauen, wenn ich erlebt habe, wie tief ein Mann mich verletzen kann? Wie soll ich mich fallen lassen, ohne Angst zu haben, wieder verletzt zu werden? Ich wünsche mir nichts mehr, als irgendwann lieben zu können, ohne ständig Angst haben zu müssen. Aber Vertrauen lässt sich nicht einfach auf Knopfdruck wieder einschalten.

Manchmal fühlt es sich an, als bekämen die Opfer lebenslänglich, während die Täter irgendwann einfach zur Tagesordnung übergehen können. Die Täter sollten für ihre Taten konsequent zur Verantwortung gezogen und angemessen bestraft werden. Nicht die Opfer sollten ein Leben lang die Last tragen müssen, während diejenigen, die ihnen diesen Schmerz zugefügt haben, vielleicht längst glücklich sind und eine Familie gegründet haben.

Ein Verfahren kann abgeschlossen werden. Eine Akte kann geschlossen werden. Aber die seelischen Wunden lassen sich nicht einfach schließen.

Ich habe mir nicht ausgesucht, dass mir das passiert. Ich habe mir nicht ausgesucht, dass es mich so verändert. Und ich habe mir ganz sicher nicht ausgesucht, mein Leben lang mit den Folgen kämpfen zu müssen.

Sie haben ihre Entscheidung getroffen. Ich trage die Folgen. Sie können vielleicht vergessen, was sie getan haben. Ich muss lernen, mit dem zu leben, was sie aus meinem Leben gemacht haben.

Und genau das ist eine Ungerechtigkeit, die mich traurig macht, wütend macht und manchmal einfach nur sprachlos zurücklässt.

Informationen zum Gedicht: Der Täter lebt sein Leben weiter. Ich muss mit den Folgen leben.

13.10.2026
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