Der fremde Spiegel
Ein Gedicht von
Robert Späth
Wir tragen Steine in den Händen,
gebaut aus Urteil, schnell gefällt.
Wir ziehen eine Mauer hoch
und nennen sie die ganze Welt.
Wie leicht fällt es, den Makel dort
im fremden Handeln klar zu seh’n,
den Splitter in des and’ren Aug’
als riesenhaftes Schiff zu versteh’n.
Wir rufen laut: „Schau, wie er fehlt!“
und zeiget glatt mit kühlem Finger.
Doch wer verurteilt, wird oft blind
für eigne, leise Zwischentöne.
Halt einen Moment die Hände still.
Leg deinen Stein vorsichtig ab.
Und heb das Glas, das vor dir liegt,
nicht gegen ihn – schau selbst hinab.
Denn was dich stört, was dich erbost,
was dich am and’ren so zerbricht,
ist oft der Schatten eigner Angst,
fällt nur auf ihn ein fremdes Licht.
Wer And’ren bloß den Spiegel hält,
damit sie ihre Fehler seh’n,
muss wagen, auch das eigne Bild
im selben Glanze zu versteh’n.
Erst wenn wir uns im Schmerz erkennen,
im Irrtum, der uns alle trifft,
fällt ab die Kälte, die uns trennt,
und heilt das alte, stumme Gift.
Denn Nähe wächst nicht aus Perfektion,
sie keimt im Mut zur eignen Spur:
Wir sind im Fehler uns so nah –
Mensch unter Menschen. Weiter nur.
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