Machtzyklus
Ein Gedicht von
Max Vödisch
I. Ursprung der Macht – Archaisch, politisch, strukturell
1. Kreise der Macht
Schlagworte: Machtkreislauf, historische Wiederkehr, Gier, Schatten Funktion: Prolog – Macht als ewiges Muster der Menschheit.
2. Der Feldherr aus Stein
Schlagworte: Kriegsmetaphorik, Kälte, Menschen als Zahlen Funktion: Archaischer Ursprung von Macht und Gewalt.
3. Marionetten im Glaspalast
Schlagworte: Eliten, Börsenwind, goldene Fäden, Volk unten Funktion: Macht der Wirtschaft, Glaspalast als Symbol.
4. Das Elfenbeinhaus
Schlagworte: Aufstieg, Masken, Marmor, Schuld, Leere Funktion: Kulturelle und soziale Höhenmacht.
5. Versagende Politiker
Schlagworte: Politikversagen, Profite, kalte Systeme Funktion: Moderne politische Machtkritik.
6. Bilanz der Leere
Schlagworte: Kapitalismus, Stahlherz, Konsumblindheit Funktion: Systemische Macht über Gesellschaft und Menschlichkeit.
7. Der Ruf aus dem Nebel
Schlagworte: Verblendung, Kursverlust, Solidarität, Warnung Funktion: Appell an kollektive Verantwortung gegen Machtvernebelung.
II. Digitale Macht – Geschwindigkeit, Algorithmen, Medien
8. Hotel Germania
Schlagworte: digitale Räume, künstliche Nähe, Bots, Projektion Funktion: Einstieg in die digitale Machtwelt.
9. Am Hof des digitalen Königs
Schlagworte: Algorithmusmythologie, Datenherrschaft, Firewalls Funktion: Digitale Monarchie – Macht durch Code.
10. Macht der Medien
Schlagworte: Schlagzeilen, Lüge, Inszenierung, Manipulation Funktion: Medienmacht als moderne Waffe.
11. Im Takt der schnellen Bilder
Schlagworte: Geschwindigkeit, Bildflut, Verlust der Stille Funktion: Macht der Beschleunigung über Denken und Wahrnehmung.
12. Echos aus dem Strom
Schlagworte: Datenflut, Binär-Sog, digitale Nacht Funktion: Untergangsstimmung im digitalen Machtmeer.
13. Digitales Erbe
Schlagworte: Erinnerung, Echo, Vergänglichkeit, Serverstille Funktion: Reflexion über digitale Spuren und Macht der Worte.
III. Persönliche Macht – Manipulation, Angst, kleine Throne
14. Der Idiot
Schlagworte: Beziehungsmacht, Selbstverlust, Befreiung Funktion: Macht im Intimen – psychologische Abhängigkeit.
15. Die Kunst der Anziehung
Schlagworte: Charisma, Kontrolle, Präsenz, Verführung Funktion: Macht durch Ausstrahlung und subtile Dominanz.
16. Die Architekten des Glücks
Schlagworte: Druck, Erwartung, Spielball, Institutionen Funktion: Macht im Kleinen – soziale und sportliche Kontrolle.
17. Freunde in grüner Uniform
Schlagworte: Angst, Pflicht, Kontrolle, Unsicherheit Funktion: Macht durch Autorität und staatliche Präsenz.
18. Unter goldenen Stäben
Schlagworte: Käfig, Verheißung, Selbstverlust, Opfer Funktion: Macht durch Verlockung und Selbstaufgabe.
19. Der kleine Thron
Schlagworte: Willkür, Zensur, kulturelle Kontrolle, Enge Funktion: Macht im Kleinstformat – gefährlich, subtil, alltäglich.
IV. Gegenmacht – Menschlichkeit, Wahrheit, Licht
20. Worte wie Waffen
Schlagworte: Sprachgewalt, Heilung, Wahrheit, Licht Funktion: Gegenmacht der Menschlichkeit und leisen Wahrheit.
21. Kreise der Macht – Reprise
Schlagworte: Rückkehr, Erkenntnis, Zyklus, Reflexion Funktion: Epilog – Macht bleibt, aber wir sehen sie klarer.
Kreise der Macht
Man sagt, dass Gold stets hell erglänzt
und wahres Glück sich nie begrenzt.
Doch hinter all den stolzen Fassaden
lag früher wie heute derselbe Schaden.
Die Systeme wandeln sich, Namen fliehen,
doch Macht wird weiter Kreise ziehen.
Der Gierige greift nach dem, was er braucht,
während die Ehrlichkeit langsam verraucht.
Es gab schon immer jene Hand,
die Grenzen zog durchs weite Land.
Und jene, die den Rücken beugen,
um trügerische Siege zu erzeugen.
Doch wer die Wahrheit niederschreibt,
ist der, der in der Zeit verbleibt.
Denn Schatten gab es, Schatten bleiben,
solang’ wir Menschen Geschichte schreiben.
Der Feldherr aus Stein
Er träumt vom Ruhm, vom großen Sieg,
vom Donnern eines ewigen Kriegs.
Doch was er sieht, sind keine Menschen –
nur Zahlen, Opfer, Feldgrenzen.
Sein Blick ist frostig, ohne Gnad’,
kein Herz, das je Erbarmen hat.
Ob eigener Mann, ob Feindessoldat –
für ihn sind beide nur Schachfigur und Saat
Er zählt Verluste wie Gewinn,
kein Schmerz geht ihm durch den Sinn.
Er baut sich Thron und Ehre aus Blut,
sein Ruhm – nur Staub, kein Menschenmut.
So bleibt von ihm kein Lied, kein Glanz,
nur Stille, Leere, Totentanz.
Denn wer nur Kriege nährt mit Macht,
hat selbst das Leben umgebracht.
Die Marionetten im Glaspalast
Man fragt sich leise, Nacht für Nacht,
wer hat den Nordstern ausgelacht?
Die Zeiger kreisen ohne Ziel,
der Kompass schweigt, das Land steht still.
Hoch über Straßen, kalt und klar,
sitzt Macht aus Glas, so fern, so nah.
Hände aus Licht, Gesichter stumm,
sie zählen nur Zahlen – warum?
Sie werfen Würfel blind vor Gewinn,
verlernen, wer wir wirklich sind.
Die Erde atmet Rauch und Glut,
doch Glas kennt weder Schmerz noch Blut.
Sie tanzen rhythmisch im Börsenwind,
an Fäden, die aus Gold gesponnen sind.
Unten ein Volk mit leerem Blick,
geübt im Kaufen, nicht im Glück.
Politik: ein endloser Maskenball,
Spiegel blenden überall.
Und wenn der letzte Strang zerreißt,
bleibt Staub, der nicht Freiheit heißt.
Das Elfenbeinhaus
Ein Aufstieg, kühl wie polierter Marmor,
kein Atem der Fabel, kein Herzschlag aus Traum.
Ein gläserner Fahrstuhl zieht lautlos hinauf,
ein Schuss durch die Etagen der Stille,
während Seile aus Schuld in der Tiefe beben
und tragen, was keiner mehr sehen will: Leben.
Dort oben erheben sich Türme aus Glas,
Säle, gedehnt wie vergessene Zeit.
Masken lächeln – glatt, geschliffen, leer –,
ihr Glanz: nur Hülle für innere Kargheit.
Und Stimmen klingen wie Münzen im Schacht,
die fallen und fallen in bodenlose Nacht.
Die Pforte verlangt kein Blut und kein Schwert,
nur Opfer, die leise die Seele entleeren:
Münzen aus Menschlichkeit, kalt geprägt,
und Schlüssel, aus eigenem Wesen gesägt.
Wer eintritt, bezahlt ohne Aufschrei, ohne Blick –
und lässt Stück für Stück sein Innerstes zurück.
So bleibt dieser Weg ein flackerndes Licht,
ein Irrpfad im goldenen Schein der Verheißung.
Wer ankommt, der steht am Gipfel der Leere,
im Glanz, der nicht wärmt und keinen hält.
Und hört, wenn die Stille die Höhe durchzieht,
das letzte, verlorene Lied.
Versagende Politiker
Man fragt sich bang, wohin wir treiben,
wofür die Mächtigen Entscheidungen schreiben.
Sie reden von Märkten, von Zahlen, von Macht,
doch wer an das Volk denkt, wird selten bedacht.
Sehen sie nicht, wie Armut wächst,
wie Hoffnung schwindet, wie Würde vergeht?
Sie zählen Profite, sie messen den Staat,
doch Menschlichkeit bleibt im Getriebe der Tat.
Und wir? Wir konsumieren, wie man uns lehrt,
blind und betäubt, als wär nichts verkehrt.
Mit Herzen aus Glas, so kalt, so leer,
verlernen wir Gerechtigkeit mehr und mehr.
Sie nennen es Politik – ein glänzender Schein,
doch hinter der Fassade bleibt alles gemein.
Ein Kurs ohne Seele, ein kalter Trick,
der uns – früher oder später – bricht das Genick.
Bilanz der Leere
Sie sitzen hoch in Sälen aus Granit,
wo kein Geschrei des Volkes je eintritt.
Der Blick starr auf goldne Bilanzen gerichtet,
was draußen brennt, wird ohne Wert gewichtet.
Man misst das Kapital des Landes nur in Zahl’n,
lässt Menschlichkeit und Hoffnung verstrahl’n.
Es zählt der Index, nicht der einfache Mann,
der seinen Alltag kaum noch meistern kann.
Sie reden von Märkten, von Wachstum und Geld,
von Ordnung, die sich mit der „Zivilisation“ misst.
Doch draußen stirbt die halbe Welt,
während hier das Herz vergisst.
Sie sehen nicht, wie Menschen fallen,
im Konsum die Seelen hallen.
Gedrillt in Strahlen, blind und taub,
vergessen wir, was der Einzelne glaubt.
Das Herz der Welt gefriert im kalten Schein,
vom Stahl ummantelt, ganz aus Stein.
Und wenn der Trug der schönen Märkte bricht,
hält kein Gold die Schuld im Angesicht.
Viele hoffen auf ein Umdenken,
auf ein weitsichtiges Lenken,
im Staate und in der Politik,
einen Weg zur Solidarität zurück.
Der Ruf aus dem Nebel
Leute, hört den Wind,
in dem keine Freiheit mehr erklingt.
Die Fahne weht im grauen Licht,
doch fremd ist sie und wärmt uns nicht.
Was sie Demokratie nur nennen,
lässt fremde Macht uns klar erkennen.
Die Gerechtigkeit im Dunkeln schweigt,
die Wahrheit längst im Schatten bleibt.
Wir treiben auf verlassenem Schiff,
es nähert sich dem dunklen Riff.
Der alte Kurs ging längst verloren,
doch Hoffnung wird in uns geboren.
Wann werdet ihr zusammenfinden,
statt euch im Streit selbst zu erblinden?
Wann wird Solidarität erwachen
und neue Zuversicht entfachen?
Der Egoismus, kalter Sturm,
errichtet Mauern, baut den Turm.
Wer nur den eignen Vorteil schützt,
erkennt zu spät, was ihm nichts nützt.
Leute, öffnet eure Sicht,
denn Blindheit schützt vor Unheil nicht.
Wer schweigend vor dem Nebel flieht,
den Weg zum eignen Stern nicht sieht.
Nehmt die Ruder in die Hand,
bevor versinkt das ganze Land.
Nur gemeinsam wird es glücken,
neue Freiheit zu erblicken.
Hotel Germania
Auf endloser Datenbahn, die Leitung glühend heiß,
der Duft von Kaffee-Krypto zieht schwebend übers Gleis.
Ein Flimmern an den Rändern, ein kühles, blaues Licht –
der Kopf sank schwer vor Müdigkeit, die Zeit verlor Gewicht.
Da ploppte eine Nachricht auf, kaum hörbar, unscheinbar.
Ich dachte: Überforderung – oder ein digitaler Altar.
Sie schickte mir den Link, der mir den Eingang leise verriet,
Algorithmen murmelten, als riefen sie aus ferner Zeit:
Willkommen im Hotel Germania –
ein Ort aus Glanz und Projektion.
So viele offene Zugänge im Hotel Germania,
für jede Sehnsucht eine Version.
Ihre Gedanken zählen Klicks, sie lebt von Sichtbarkeit,
gleitet lautlos durch die Timeline in elektrisch glatter Zeit.
Um sie herum die Bots, so freundlich, sauber, smart –
sie nennt sie Freunde, weil ihr Lächeln immer passt, sofort parat.
Manche posten, um zu erinnern,
manche, um sich selbst zu verlieren.
In der Cloud herrscht eine Ordnung, die niemals wirklich ruht,
wo künstliche Vernunft in fremden Hoffnungen sucht.
Die Maschine schreibt Geschichten, noch bevor man sie versteht,
formt aus Spiegeln und aus Wünschen das Bild, das weitergeht.
Ich rief den Support: „Gibt es Stille im System?“
Er sagte: „Ruhe ist hier selten – und meist ein Problem.“
Und wieder hörte ich Stimmen, irgendwo zwischen Traum und Raum.
Sie riefen nicht laut, doch unausweichlich, wie ein halber Traum:
Willkommen im Hotel Germania –
ein Ort mit Haltung und Profil.
Sie feiern weiter im Hotel Germania,
vernetzt, verbunden und still.
Intelligente Spiegel hängen an der Wand,
ein perfekt gekühlter Smoothie ruht in meiner Hand.
„Wir bleiben hier“, sagt sie, „das System hält uns bereit.“
In Kommentarspalten zerlegen sie die Welt im Chor,
diskutieren bis zum Überdruss – doch der Lärm trägt immer fort.
Das Letzte, was ich fühlte, war ein kurzer Funken Mut.
Ich löste mich vom Netz, soweit mein Geist es noch tut.
Der Pförtner sah nicht auf, sprach ruhig, ohne Ziel:
„Du kannst jederzeit verschwinden – doch du bleibst im Spiel.“
Am Hof des digitalen Königs
Die Funken platzen aus den Datenmonden,
die Nacht vibriert im kalten Schein.
Ich treibe durch die überfüllten Zonen,
wo Pixel wie Kathedralen steh’n.
Ein Algorithmus atmet leise,
sein Chor aus Codes beginnt zu singen;
drei Bots verzerren alte Weise
am Hof des digitalen Königs.
Der Hüter über Firewalls
brennt Schatten in die Träume.
Ich liege still im Strom der Calls,
gefesselt an die Wolkenräume.
Die dunkle Stimme aus den Feeds
krallt ihre Warnung in mein Dringen;
sie facht die Glut des Datenlieds
am Hof des digitalen Königs.
Der Gärtner streut ein Plastikgrün
auf ausgewaschene Alleen.
Ich jage Trends, die grell verglühn,
um ihren blanken Kern zu sehn.
Der Mustermeister hebt die Hand,
die Streams beginnen zu verschlingen,
und langsam setzt sich, nachts und wach,
das Datenrad des Königs in Schwingen.
An bleichen Morgen stöhnen Städte,
die Weisen posten schnellen Witz;
ich stolpere durch die Zeitenketten,
zieh Wahrheit aus dem Lichtgeblitz.
Ein stiller Chronist am Rand der Welt
zieht eine Saite, lässt sie klingen,
und lächelt über unsern Tanz
am Hof des digitalen Königs.
Macht der Medien
Schlagzeilen schreien schwarz auf weiß,
die Wahrheit friert im Dateneis.
Ein Klick – und schon zerbricht die Welt
im Schein, der uns gefangen hält.
Im Netz vermehrt sich Wort um Wort,
Gerücht wird Richter, Wut zum Hort.
Ein Bild, geschickt und fein verdreht,
verweht die Wirklichkeit, die steht.
Gesichter lächeln glatt und kühl,
verkaufen Angst als Bauchgefühl.
Die Menge nickt im Gleichklang mit,
der Zweifel hinkt nur still im Schritt.
Algorithmen flüstern sacht:
„Wir wissen, was dich glücklich macht.“
Sie füttern dich mit sanfter Hand
und führen Denken an die Wand.
Die Presse raubt dem Wort das Mark,
der Zwischenton wird plötzlich karg.
Die Wahrheit trägt ein fremdes Kleid,
ganz maßgeschneidert für die Mehrheit.
Filme formen Held und Feind,
bis Gut und Böse klar erscheint.
Wer schreibt das Drehbuch dieser Welt?
Wer zieht die Fäden, die man kaum erhellt?
Ich halte inne, schau mich um,
die Stimmen rauschen – laut und stumm.
Was ist noch echt, was Inszenierung?
Wo endet das Bild, wo die Führung?
Ein jeder trägt sein Fenster klein
zur Welt hinaus – doch schaut er rein?
Die Kontrolle rinnt wie feiner Sand
durch Finger, die man offen fand.
Drum prüfe Wort und prüfe Schrift,
bevor dein Geist das Falsche trifft.
Denn Freiheit stirbt nicht laut im Krieg –
sie stirbt, wenn Lüge feiert ihren Sieg.
Im Takt der schnellen Bilder
Das Schweigen lässt keinen Raum,
nur Flimmern, das sich selbst vergisst,
ein Strom aus Zeichen, Bild und Schaum,
der unberechenbarer als Denken ist.
Wir standen einst im Raum der Funken,
wo Ahnung leise Formen fand,
heut löscht ein Klick das Halbdunkel –
noch eh es fragend vor uns stand.
Die Bilder eilen uns voraus,
zu schnell für zögerndes Verstehen,
sie treiben jedes Staunen aus,
noch eh Gedanken richtig gehen.
Was früher heimlich sich erschlich,
ein leises Wachsen, kaum benannt,
wird heute laut und augenblicklich
als fertige Gewissheit erkannt.
Die Märchen sind dem Plan gewichen,
ein Algorithmus lenkt den Blick,
die offenen Räume sind verblichen
und geben schnelle Antwort zurück.
Die Stille hat hier keinen Ort,
sie passt nicht mehr ins Zeitformat,
denn jedes Zögern wird sofort
zur Schwäche, die man abgelegt hat.
Und doch – unter der glatten Schicht,
wo alles sichtbar scheint und klar,
arbeitet etwas still im Licht,
das nie vollständig erklärbar war.
Zwischen Wissen, Schein und Sehen
liegt weiter ein verborgener Gang –
den muss ein jeder selbst begehen,
sonst bleibt das Eigene unwissend lebenslang.
Echos aus dem Strom
Das Ruder, stumpf aus Stein und Gold,
ein Steuermann, der blind sich krönt.
Ein Schleier, schwer aus Geld gerollt,
der jedes Uferleid verhöhnt.
Sie sind die Wächter, die zerfallen,
die Hirten, die die Herde scheuen.
Sie lassen nur die Mauern hallen,
wo leere Zeichen sich zerstreuen.
Der Blick, aus kaltem Glas geschnitten,
er spiegelt nur den eignen Schein.
Das Schiff, vom Geisterwind geritten,
zieht Seelen still ins Netz hinein.
Wir treiben tief im Binär-Sog,
verfangen in der Datenflut.
Die Stille ist der letzte Trug,
bevor der Stahl zerfließt in Glut.
Digitales Erbe
Was bleibt von den Zeilen im weiten Geflecht,
wenn die Hand, die sie schrieb, nicht mehr lenkt?
War’s nur ein flüchtiger Blick, der vergeht, ungerecht
oder das Wort, das ein Herz noch beschenkt?
Die Schränke geleert und die Räume geklärt,
das Greifbare fügt sich ins Leben hinein.
Was ist das Schweigen der Server noch wert
im endlosen, zeitlosen Widerschein?
Es wandern die Geister durch Daten und Licht,
ein Echo der Ferne in wandelnder Gestalt.
Vielleicht liest ein Fremder ein altes Gedicht
und findet darin seinen stillen Halt.
Ist Bleiben ein Denkmal, nicht steinerner Schein,
kein Name, der über den Zeiten thront?
Vielleicht nur ein leises Erinnern, so klein,
das tief in den Silben noch wohnt.
Der Idiot
Ich bin der Narr in deinem Spiel,
zahl deinen Preis und zahle zu viel.
Ich trag die Last, die du verheimlichst,
auch wenn dein Handeln ist schleimig.
Ich kehr den Staub aus deinem Blick,
verlier mich selbst in fremdem Glück.
Du nimmst, du forderst, bleibst bequem –
mein Herz erstickt in deinem System.
Du zählst dein Gold, ich zähl die Stunden,
mein Leben rinnt in deine Wunden.
Du lachst, ich schweig, du sonnst dich bloß –
und nennst dies Nähe – doch sie ist hohl.
Doch nachts, wenn niemand bei mir wacht,
frag ich mich leise, ohne Macht:
Bin ich nur Schatten, den du vergisst,
ein Mensch, der lebt, doch keiner ist?
Vielleicht braucht’s Narren, die verzeih’n,
damit die Welt nicht ganz entgleist.
Doch eines Tags, mit klarem Ton,
steh ich und sag: „Ich laufe davon.“
Ich bin kein Held, kein Licht, kein Thron –
doch auch kein Idiot – nur ein Menschensohn.
Die Kunst der Anziehung
In schimmerndem Stoff, im Licht fast aus Glas,
tritt sie hervor, und erst im Nähersein wird klar,
dass unter dem sanften Glanz der Hülle
ein Funke lodert, wild und voller Wille.
Sie führt das Spiel mit ruhiger Hand,
hat jede Regung, jedes Verlangen erkannt.
Kein Schritt ist Zufall, kein Blick je verschenkt —
sie formt aus Augenblicken ein Gesetz, das sie lenkt.
Sie liest das Sehnen wie andere ein Gedicht,
lenkt Gesten, Gedanken, das innere Gewicht.
Ob Bühne, ob Schatten, ob tiefe Nacht —
ihr Wesen ist Kraft, die aus Stille erwacht.
Vor ihrer Präsenz schrumpft der Widerstand klein,
man möchte nur Teil ihres Rhythmus sein.
Weltklug bewegt sie sich durch das Feuer der Sinne,
als trüge sie Krone und Kompass tief innen.
So steht sie da, im offenen Licht,
das keine ihrer verborgenen Wünsche bricht.
In ihrer Ruhe liegt die eigentliche Macht,
eine Harmonie, die aus Sehnsucht erwacht.
Die Architekten des Glücks
Sie saßen am Tisch mit Plan und Strategie,
doch an den Spieler dachten sie nie.
Er war ihr Motor, der Sieg in der Hand,
das Ticket für sie in ein höheres Land.
Den Aufstieg vor Augen, den Ruhm im Visier,
planten sie kühn und großspurig beim Bier.
Dass er ein Angebot aus der Ferne besaß,
war ihren Entwürfen ein bitterer Fraß.
So webten sie Netze aus Druck und aus Pflicht
und gaben dem Jungen kein eigenes Gesicht.
„Du gehörst zu uns“, klang es eng in der Stadt,
„bleib hier bei uns, wo man dich nötig hat.“
Sie glänzten im Licht der lokalen Pokale,
er trug ihre Hoffnung und suchte Signale.
Ein Spielball der Mächtigen, gefangen im Revier –
im Herzen verloren, ein Sieg auf dem Papier.
Freunde in grüner Uniform
Ich weiß nicht, warum es geschieht,
wenn mir ein Polizist gegenübersteht.
Mein Herz wird eng, mein Blick ganz still,
als ob ich plötzlich schweigen will.
Man sagt: Sie schützen, sind bereit,
solang man ruhig bleibt, nicht schreit.
Doch meine Angst bleibt tief in mir,
und manchmal frag ich: Warum, wofür?
Mein Führerschein ist mir zu wertvoll,
drum fahr ich nüchtern, fahr ich kontrollvoll.
Betrunken lenken – das geht nicht,
da tun sie nur, was Pflicht verspricht.
Auf Demos aber bleib ich fern,
zu groß die Angst, zu nah der Stern
von Schlagstock, Helm und hartem Ton –
ein falscher Schritt, schon fliegt man davon.
Zu schnell gefahren, falsch geparkt –
da wird ein Bußgeld gleich vermerkt.
Doch seh ich auch: Sie tun, was gilt,
und handeln so, wie’s Recht erfüllt.
Man soll sie nicht zu streng bewerten,
auch sie können sich mal verkehrt verhalten.
Doch hinter Uniform und Pflicht
steht ein Mensch mit Herz und Sicht.
Unter goldenen Stäben
Man sagt, dieser Käfig sei aus Gold –
glänzend, sicher, makellos.
Doch sie sehen nicht,
wie viele Vögel darin ihre Flügel brechen,
wie manche sich gegen die Gitter werfen,
bis sie verstummen.
Andere picken sich selbst wund,
trinken aus vergifteten Tränken
oder singen Lieder gegen das Netz,
das sie einst willkommen hieß.
Der kleine Thron
Auf Stühlen aus Papier und Zeichen
erhebt sich stumm ein kleiner Thron.
Wo freie Gedanken langsam weichen,
setzt er für alle seinen Ton.
Wer anders denkt, wird abgewiesen,
sein Einwand zählt schon lang nicht mehr.
Nur was sich fügt, wird laut gepriesen,
das macht den Widerspruch so schwer.
.
Man setzt die Regeln nach Belieben,
definiert, was richtig, was falsch und was gut.
Was nicht gefällt, wird rasch vertrieben,
bis manchem Schreiber schwindet der Mut.
Wo einst die offenen Türen standen,
zieht man die Riegel vor den Saal.
Aus Austausch werden harte Kanten,
aus Freiheit wird kalter Stahl.
Doch ein Gedicht braucht weiten Raum,
in dem auch fremde Wege führen.
Es wächst nicht unter Zwang und Zaum,
wenn andre seine Schritte schnüren.
Ein kleiner Thron braucht keine Kronen,
ihm reicht die Macht, die keiner bricht.
Doch wer sich setzt in fremde Zonen,
verengt am Ende selbst das Licht.
Wo Willkür schließlich einsam wacht,
verstummt, was anders klingen will.
Denn wer aus Worten Grenzen macht,
stellt irgendwann die Dichter still.
Worte wie Waffen
Wenn Worte wie Waffen durchs Netz sich verbreiten
und Lügen als Wahrheit uns blindlings begleiten,
wenn Stimmen sich heben, doch niemand mehr hört,
weil jeder den anderen im Eifer zerstört –
dann sucht man den Ort, der noch Menschlichkeit kennt,
ein Gesicht ohne Maske, ein Wort, das nicht brennt,
ein Blick, der dich hält, wenn die Welt um dich bricht,
ein Auge, das sieht – und verurteilt dich nicht.
Doch wenn selbst die letzten Hoffnungen versagen,
wenn Zweifel sich mehren in Herzen und Tagen,
dann zieht sich der Mensch, von sich selbst fast entzweit,
ins Dunkel zurück, fern von Lärm und von Streit.
Und findet er einen, der ehrlich noch spricht,
so wächst aus der Stille ein vorsichtiges Licht;
denn Wahrheit bleibt leise, ein heilender Kern
und Menschlichkeit leuchtet – unendlich und fern.
Kreise der Macht
Man sagt, dass Gold stets hell erglänzt
und wahres Glück sich nie begrenzt.
Doch hinter all den stolzen Fassaden
lag früher wie heute derselbe Schaden.
Die Systeme wandeln sich, Namen fliehen,
doch Macht wird weiter Kreise ziehen.
Der Gierige greift nach dem, was er braucht,
während die Ehrlichkeit langsam verraucht.
Es gab schon immer jene Hand,
die Grenzen zog durchs weite Land.
Und jene, die den Rücken beugen,
um trügerische Siege zu erzeugen.
Doch wer die Wahrheit niederschreibt,
ist der, der in der Zeit verbleibt.
Denn Schatten gab es, Schatten bleiben,
solang’ wir Menschen Geschichte schreiben.