trauma

Ein Gedicht von marmotier
armes Fritzchen.
welche freude,
als die leute
dir das kleine häslein brachten.
warst doch selber noch so klein,
konntest ja kaum stehn allein.

ach! sie brachten es zum schlachten.
musstest alles überstehn,
sahst's in todesqual vergehn,
weil sie dachten,
häschens blut
tät dem lahmen ärmchen gut,
banden dann den schlimmen arm
in den hasen, der noch warm.

armes Fritzchen, immer wieder
metzelten dein herz sie nieder.
die mama, die hielt sich fern,
mochte krüppel nicht so gern,
denn ihr englischer humor
zog die stramme garde vor.

nein, "pardon wird nicht gegeben!"
riefst du später dann im leben,
markig schroff, den blick nach vorn
in versprochne goldne zeiten,
ahntest nichts vom haus in Doorn.
Wilhelm nannt' man dich, den zweiten.

und man hat dir nichts vergeben,
denn die nachwelt dünkt sich weiser,
meint, sie darf sich überheben.
Gott vergibt dir, armer kaiser.

*

Historischer Exkurs
Wilhelm II. war der letzte deutsche Kaiser. Bis heute versuchen manche, ihm – zu Unrecht - die Hauptschuld am 1. Weltkrieg zu geben. Er starb 1941 im Exil im holländischen Haus Doorn bei Utrecht. Sein Vater war der spätere Kaiser Friedrich III., der nach nur 99 Tagen Regierungszeit im Dreikaiserjahr 1888 an Kehlkopfkrebs starb. Seine Mutter war Prinzessin Victoria, die älteste Tochter der englischen Queen Victoria.
Als Kind wurde Wilhelm "Fritzchen" genannt. Er hatte durch einen, wahrscheinlich von dem entbindenden Arzt verschuldeten, Geburtsfehler einen gelähmten und verkümmerten linken Arm, den er zeitlebens zu kaschieren versuchte. Für seine Mutter durfte ein Thronfolger keinerlei körperliche Makel haben, und sie lehnte ihren Sohn deswegen ab.
Das Gedicht schildert nur eine der zahllosen grausamen "Therapien", mit denen man den jungen Prinzen quälte.


Copyright © Marmotier 2014

Informationen zum Gedicht: trauma

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11.03.2014
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