Lenz und das kind

Ein Gedicht von marmotier
nach der erzählung von Georg Büchner und dem bericht von pfarrer Oberlin aus Waldersbach


das mädchen war tot. es lag wie ein püppchen
auf einem tische gedeckt mit stroh.
die gläsernen augen im stillen gesichtchen
sah'n starr hinüber ins nirgendwo.

und dann kam Lenz. er stürzte herein,
warf, aschebestreut, sich über das kind,
in wildester aufruhr. es konnte nicht sein,
dass gott dieses herz zur verwesung bestimmt.

er schauderte, tränen benetzten die kleine.
darauf sank er tief im gebet auf die knie.
er glaubte voll demut, dass Gott mit ihm weine,
erflehte ein wunder des schöpfers für sie.

dann fasste er ihre kalten hände.
"steh auf und wandle!" sprach er zu ihr,
und wieder: "steh auf, ich befehle es dir!"
und wieder. bis er sich Gottes schämte.
er stand allein wie ein waidwundes tier.

Lenz jagte hinaus. hoch griff er ins leere,
als hole er Christus vom himmel herab,
doch droben, in dessen heiligster sphäre,
schnitt etwas urplötzlich die geste ihm ab.

er ballte die fäuste, um Gott herzureissen
und in die dunklen wolken zu schleifen,
triumph der hölle in seiner brust.
er war sich seiner schon nicht mehr bewusst.

verloren taumelt' er hin ohne ziel.
die fäden verworren. nur puppe im spiel.


Copyright © Marmotier 2013

Informationen zum Gedicht: Lenz und das kind

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13.04.2013
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