Wenn Worte Herzen morden
Ein Gedicht von
Gyti rubina Wais
Wenn Worte Herzen morden.
Ich habe diesen Satz gelesen und musste sofort an uns denken.
Vielleicht, weil ich inzwischen weiß, dass Worte tatsächlich Herzen morden können.
Nicht mit einem großen Knall.
Nicht so, dass plötzlich alles stillsteht.
Manchmal sagt ein Mensch einfach einen Satz, schaut danach wieder aus dem Fenster und weiß nicht, dass in dem Menschen neben ihm gerade etwas zusammengebrochen ist.
„Wir sind doch längst darüber hinweg.“
Seitdem höre ich diesen Satz immer wieder.
Manchmal versuche ich sogar, ihn mir selbst einzureden.
Wir sind darüber hinweg.
Vielleicht muss ich ihn mir nur oft genug sagen. Vielleicht glaube ich ihn irgendwann selbst. Bei dir scheint es schließlich auch funktioniert zu haben.
Aber dann denke ich daran, wie alles angefangen hat.
Weißt du eigentlich noch?
Wir haben uns nicht irgendwo zufällig kennengelernt.
Wir haben uns auf einer Dating-App kennengelernt.
Eigentlich ist das heute fast absurd.
Ausgerechnet wir.
Damals wusste ich noch nicht, dass dieser eine Mensch auf meinem Handydisplay sieben Jahre später einmal der Mensch sein würde, wegen dem ich nachts mit einem Glas Wein dasitze und nicht weiß, wie ich ihn aus meinem Herzen bekommen soll.
Ich wusste nicht, was aus uns werden würde.
Ich wusste nicht, dass ich mich einmal so sehr an dich gewöhnen würde, dass sich allein der Gedanke an ein Leben ohne dich wie ein Verlust anfühlt.
Ich wusste nicht, dass ich einmal versuchen würde, dich zu vergessen, während du immer noch direkt neben mir sitzt.
Damals wollte ich dich einfach nur beeindrucken.
Dieser erste Abend.
Ich sehe mich manchmal noch vor mir.
Viel zu aufgeregt.
Viel zu bemüht, irgendwie cool zu wirken.
Und offensichtlich mit ein bisschen zu viel Wein intus.
Und dann diese verdammte Bordsteinkante.
Ich wollte dich beeindrucken und schaffe es stattdessen, über die Bordsteinkante zu stolpern und hinzufallen.
Eigentlich müsste ich heute darüber lachen.
Vielleicht tue ich es sogar ein bisschen.
Weil es so typisch ist.
Unser Anfang war nicht perfekt.
Nicht romantisch inszeniert.
Kein Film.
Kein perfekter erster Auftritt.
Einfach ich.
Ein bisschen betrunken.
Ein bisschen aufgeregt.
Und offensichtlich vollkommen unfähig, eine Bordsteinkante zu überwinden.
Und du.
Wenn ich damals gewusst hätte, was aus diesem Abend einmal wird …
Vielleicht hätte ich dich länger angesehen.
Vielleicht hätte ich versucht, mir jedes kleine Detail zu merken.
Vielleicht hätte ich gerne gewusst, dass ich gerade am Anfang einer Geschichte stehe, die mich sieben Jahre später immer noch nicht loslassen würde.
Oder vielleicht hätte ich Angst bekommen.
Vielleicht hätte ich mein damaliges Ich gerne kurz an den Schultern genommen und gesagt:
Pass auf dein Herz auf.
Denn dieser Mann wird dir einmal sehr viel bedeuten.
Viel mehr, als du gerade ahnst.
Du wirst mit ihm lachen.
Du wirst mit ihm streiten.
Du wirst mit ihm durch Jahre deines Lebens gehen.
Du wirst seine Stimme so gut kennen, dass sie sich irgendwann vertraut anfühlt.
Du wirst wissen, was ihn zum Lachen bringt.
Du wirst dir Sorgen um ihn machen.
Du wirst stolz auf ihn sein.
Du wirst für ihn kochen.
Mit ihm Filme schauen.
Mit ihm durch Geschäfte laufen.
Vor Schaufenstern stehen.
Du wirst irgendwann wissen, welcher Mantel ihm steht.
Du wirst mit ihm über sein zukünftiges Leben sprechen.
Und irgendwann wirst du diesen Menschen lieben.
So sehr, dass du lieber deine eigenen Gefühle versteckst, als ihn zu verlieren.
Und eines Tages wird genau dieser Mann neben dir in einem Auto sitzen, dich ansehen und einen vollkommen harmlos klingenden Satz sagen:
„Wir sind doch längst darüber hinweg.“
Und du wirst nach Hause fahren und feststellen, dass sieben Jahre in fünf Sekunden wehtun können.
Vielleicht hätte ich meinem damaligen Ich gesagt:
Geh nicht zu diesem Date.
Aber das wäre gelogen.
Denn selbst wenn ich damals alles gewusst hätte – all die Tränen, all die Hoffnung, all die Jahre, dieses ganze verdammte Dazwischen – ich glaube, ich wäre trotzdem hingegangen.
Ich wäre wahrscheinlich wieder über diese Bordsteinkante gefallen.
Vielleicht hätte ich sogar wieder zu viel Wein getrunken.
Denn so sehr es heute weh tut:
Ich möchte diese sieben Jahre nicht ungeschehen machen.
Ich möchte nur nicht, dass sie irgendwann für dich weniger bedeuten als für mich.
Und vielleicht ist genau deshalb dieser Satz so unerträglich.
„Wir sind doch längst darüber hinweg.“
Denn wann bist du über mich hinweggekommen?
Ich frage mich das die ganze Zeit.
Denn ich war dabei.
Ich muss dabei gewesen sein.
Wir haben uns gesehen.
Wir haben miteinander gelacht.
Wir haben geredet.
Ich habe für dich gekocht.
Wir haben Filme geschaut.
Wir haben diese kleinen, vollkommen gewöhnlichen Momente miteinander geteilt, die mir so viel bedeutet haben.
Also wann ist es passiert?
Wann hast du aufgehört?
An welchem Tag war ich plötzlich nur noch eine Freundin?
Vielleicht nur noch eine Besucherin in deinem Leben?
Und warum habe ich es nicht gemerkt?
Vielleicht, weil ich nie aufgehört habe.
Seit zwei Jahren versuche ich, meine Gefühle für dich irgendwo hinzuschieben, wo sie uns nicht mehr im Weg stehen.
Damals habe ich sie in diese verdammte Büchse der Pandora gesteckt.
Deckel drauf.
Und ich dachte, das wäre Liebe.
Dich nicht unter Druck zu setzen.
Nichts zu verlangen.
Nichts zu erwarten.
Einfach froh zu sein, dass du überhaupt noch da bist.
Ich dachte, wenn ich meine Gefühle nur klein genug mache, könnte unsere Freundschaft groß genug bleiben.
Also bin ich geblieben.
Und heute frage ich mich manchmal, ob ich damals hätte gehen müssen.
Obwohl wir beide irgendwie festgehalten haben.
Vielleicht hätte ich mein Herz nehmen sollen, solange noch nicht so viele Erinnerungen daran hingen.
Vielleicht hätte ich mich verabschieden sollen, bevor sieben Jahre daraus wurden.
Bevor aus einem chaotischen ersten Date, einer Bordsteinkante und ein bisschen zu viel Wein irgendwann Liebe wurde.
Aber ich konnte es nicht.
Weil ich dich liebe.
Und weil irgendein dummer, hoffnungsvoller Teil von mir immer dachte:
Vielleicht irgendwann.
Vielleicht brauchst du einfach Zeit.
Vielleicht brauchen wir Zeit.
Vielleicht ist das zwischen uns noch nicht vorbei.
Vielleicht kommt irgendwann dieser eine Moment, in dem wir beide begreifen, warum wir uns all die Jahre nicht wirklich loslassen konnten.
Und deshalb waren die letzten Wochen wahrscheinlich so gefährlich für mich.
Diese Nähe.
Unsere Filmabende.
Für dich vielleicht einfach ein schöner Abend mit einer Freundin.
Für mich ein Abend mit dem Menschen, den ich liebe.
Ich habe für dich gekocht.
Nicht, damit du dich in mich verliebst.
Nicht, weil ich dafür irgendetwas zurückhaben wollte.
Sondern weil ich dir etwas Gutes tun wollte.
Weil ich dich gerne glücklich sehe.
Vielleicht ist das Liebe.
Vielleicht ist es auch einfach nur dumm, jemanden so sehr zu lieben, der einen nicht auf dieselbe Weise lieben kann.
Und dann dieser Tag.
Dieser wunderschöne, verdammte Tag.
Wir suchen einen Sakko für dich.
Einen Mantel.
Und selbst die Verkäuferin hält uns ganz selbstverständlich für ein Paar.
Und ich weiß nicht einmal, ob du gemerkt hast, was dieser kleine Moment mit mir gemacht hat.
Wie absurd es ist, dass eine fremde Frau uns ansieht und offenbar etwas sieht, das ich mir selbst seit Jahren verbiete zu sehen.
Für ein paar Sekunden sagt niemand:
Nein, wir sind nur Freunde.
Für ein paar Sekunden darf dieser Irrtum einfach im Raum stehen.
Und ein winziger Teil von mir genießt ihn viel mehr, als er sollte.
Ich sehe dich in diesem Mantel und freue mich aufrichtig darüber, wie gut du darin aussiehst.
Wir laufen weiter durch die Stadt.
Wir schauen uns Porzellan an.
Du erzählst, was dir gefällt.
Welche Teller.
Welches Teeservice.
Dass du es eigentlich ein bisschen kitschig magst.
Welche Freunde du irgendwann einladen möchtest.
Eigentlich vollkommen belanglose Gespräche.
Und trotzdem höre ich dir zu und merke, wie mein Kopf aus diesen kleinen Sätzen schon wieder etwas baut, das er nicht bauen sollte:
ein Zuhause.
Deins.
Und ganz heimlich meines daneben.
Dann stehen wir vor diesem Schaufenster.
Ein Mann.
Eine Frau.
Hochzeit.
Und für ein paar Sekunden macht mein Herz etwas, für das ich es heute fast hasse.
Es stellt sich dich und mich vor.
Nur ganz kurz.
Dich in einem Anzug.
Mich neben dir.
Deine Hand in meiner.
Vielleicht dieses nervöse Lächeln von dir.
Vielleicht ein Zuhause danach.
Irgendwo Schuhe im Flur.
Zwei Tassen morgens auf dem Tisch.
Streit darüber, wer einkaufen geht.
Irgendwann vielleicht Kinderzimmer.
Ein Hund.
Völlig langweilige Sonntage.
Ein ganz gewöhnliches Leben.
Unser Leben.
Und wahrscheinlich war das alles nur meins.
Ein paar Sekunden in meinem Kopf.
Denn ich werde diese Frau nicht sein.
Ich werde nicht diejenige sein, die du heiratest.
Ich werde nicht die Frau sein, deren Hand du vor irgendeinem Standesamt festhältst.
Ich werde wahrscheinlich nicht diejenige sein, neben der du morgens aufwachst.
Ich werde nicht die Frau sein, die irgendwann neben dir sitzt und darüber lacht, dass ihr alt geworden seid.
All diese kleinen Dinge, die ich mir mit dir vorstellen kann, wirst du vielleicht erleben.
Nur mit jemand anderem.
Und Gott, ich hoffe, dass sie gut zu dir sein wird.
Ich hoffe, sie sieht all die Dinge in dir, die ich sehe.
Ich hoffe, sie sieht nicht nur den Mann, der stark sein will, sondern auch den Jungen in dir, der manchmal viel zu viel Angst hat – vor der Welt, vor der Zukunft und manchmal vielleicht vor sich selbst.
Ich hoffe, sie hält diesen Jungen ganz behutsam fest, wenn er es alleine nicht schafft.
Ich hoffe, sie weiß, was für ein fürsorglicher Mensch du sein kannst.
Ich hoffe, sie weiß, wie besonders deine kleinen Gesten sind.
Ich hoffe, sie versteht, dass du kein Mann großer Worte bist – dass du deine Liebe in Taten zeigst.
Dass du tief im Inneren so feinfühlig und sensibel bist, und dass du immer versuchst, niemandem zur Last zu fallen.
Ich hoffe, sie hört dir zu.
Ich hoffe, sie bringt dich zum Lachen.
Ich hoffe, sie hält deine Hand, wenn es dir schlecht geht.
Ich hoffe, sie gibt dir dieses Gefühl von Zuhause.
Ich hoffe wirklich, dass du glücklich wirst.
Und ich hasse, wie sehr dieser Satz weh tut.
Denn vielleicht besteht meine Liebe zu dir irgendwann nur noch darin, dir aus der Entfernung das Leben zu wünschen, das ich so gerne mit dir gehabt hätte.
Vielleicht erzählst du mir eines Tages von ihr.
Vielleicht schreibst du:
„Ich habe jemanden kennengelernt.“
Und ich werde minutenlang auf diese Nachricht schauen.
Dann werde ich wahrscheinlich irgendetwas Liebes schreiben.
Natürlich werde ich das.
Vielleicht:
„Das freut mich wirklich für dich.“
Und es wird nicht einmal gelogen sein.
Ich werde mich für dich freuen.
Und gleichzeitig werde ich wissen, dass irgendwo gerade etwas endgültig geworden ist.
Vielleicht kommt irgendwann die Verlobung.
Vielleicht schickst du mir ein Bild von ihrem Ring.
Vielleicht fragst du mich sogar nach meiner Meinung zu irgendetwas für eure Hochzeit.
Und weil ich immer deine Freundin war, werde ich helfen.
Vielleicht werde ich sogar auf deiner Hochzeit sitzen.
Vielleicht werde ich dich vorne stehen sehen.
In diesem Sakko oder irgendeinem anderen.
Und plötzlich werde ich an diesen Tag zurückdenken.
An uns vor diesem Schaufenster.
An die Ringe.
Und daran, dass mein Herz für einen kurzen Moment geglaubt hatte, die Frau neben dir könnte einmal ich sein.
Und dann wird sie auf dich zulaufen.
Und ich werde lächeln.
Vielleicht werde ich sogar weinen.
Und niemand wird wissen, dass ich nicht nur weine, weil es schön ist.
Vielleicht werde ich irgendwann kurz auf die Toilette gehen.
Die Tür hinter mir abschließen.
Tief durchatmen.
Mein Make-up richten.
Und mir sagen:
Du wolltest doch, dass er glücklich wird.
Und dann werde ich wieder rausgehen.
Zurück an meinen Platz.
Als deine Freundin.
Nur deine Freundin.
Vielleicht bekommst du irgendwann tatsächlich diese drei Kinder.
Vielleicht den Hund.
Vielleicht dieses Zuhause.
Und irgendwann sehe ich ein Foto von euch.
Du.
Sie.
Eure Kinder.
Vielleicht ein Weihnachtsbaum im Hintergrund.
Und ich werde dein Gesicht anschauen und sehen, dass du angekommen bist.
Und dann werde ich mein Handy weglegen.
Und wahrscheinlich wird es ganz still sein.
Denn was soll man eigentlich machen, wenn der Mensch, der sich für einen selbst wie Zuhause angefühlt hat, sein Zuhause bei jemand anderem gefunden hat?
Und vielleicht wird irgendwann sogar unsere Freundschaft weniger.
Das ist die Angst, über die ich kaum nachdenken kann.
Dass wir uns nicht einmal mit einem großen Abschied verlieren.
Sondern langsam.
Eine Nachricht weniger.
Ein Filmabend weniger.
Ein Treffen weniger.
Irgendwann schreibst du nicht mehr:
„Wann sehen wir uns?“
Sondern:
„Wir müssen uns unbedingt mal wieder sehen.“
Und irgendwann schreiben wir selbst das nicht mehr.
Vielleicht sehe ich deinen Namen eines Tages in meinem Handy und stelle fest, dass wir seit acht Monaten nicht miteinander gesprochen haben.
Und ich werde durch unseren alten Chat scrollen.
Durch sieben Jahre.
Durch dumme Witze.
Fotos.
Sprachnachrichten.
Verabredungen.
All diese kleinen Beweise dafür, dass wir einmal ganz selbstverständlich zum Leben des anderen gehört haben.
Und vielleicht scrolle ich irgendwann so weit nach oben, dass ich wieder bei unserem Anfang lande.
Bei zwei Menschen auf einer Dating-App.
Bei diesem ersten Abend.
Bei der Bordsteinkante.
Bei mir, die dich unbedingt beeindrucken wollte und stattdessen auf dem Boden landete.
Und vielleicht werde ich dann lachen und gleichzeitig weinen.
Weil dieses Mädchen damals noch keine Ahnung hatte.
Keine Ahnung, dass sie gerade den Menschen kennenlernt, von dem sie sieben Jahre später nicht wissen würde, wie sie sich von ihm verabschieden soll.
Und dann werde ich mich fragen:
Wann genau haben wir uns verloren?
Vielleicht gibt es darauf keine Antwort.
Vielleicht verschwinden manche Menschen nicht auf einmal.
Vielleicht werden sie einfach langsam zu einer Erinnerung.
Und dieser Gedanke macht mir solche Angst.
Denn du bist noch da.
Das ist das Verrückte.
Du bist noch da.
Ich kann dir schreiben.
Ich kann deine Stimme hören.
Ich kann mit dir lachen.
Ich kann neben dir sitzen.
Und trotzdem vermisse ich dich gerade schon.
Wie kann man jemanden vermissen, der noch da ist?
Vielleicht weil ich langsam begreife, dass ich nicht nur um dich trauere.
Ich trauere um alles, was niemals passieren wird.
Um ein gemeinsames Zuhause, in das wir niemals einziehen.
Um die Zahnbürste neben deiner.
Um deine Schuhe neben meinen im Flur.
Um völlig belanglose Abende auf dem Sofa.
Um Einkaufen am Samstag.
Um Weihnachten.
Um Geburtstage.
Um Streit und Versöhnung.
Um Reisen.
Um schlechte Tage.
Um gute Tage.
Um das Älterwerden.
Um deine Hand in meiner.
Um ein Leben, das niemals existiert hat.
Und trotzdem fühlt es sich an, als würde ich es gerade verlieren.
Vielleicht ist das das Grausamste daran.
Wie trauert man um Erinnerungen, die man niemals machen durfte?
Ich wünschte, ich könnte dich hassen.
Ich versuche manchmal sogar, Gründe dafür zu finden.
Aber dann denke ich an deine Fürsorglichkeit.
An deine liebevolle Art.
An diese kleinen Dinge, die du wahrscheinlich selbst gar nicht bemerkst.
Und ich kann es nicht.
Ich kann dich nicht hassen.
Ich kann nur mich selbst dafür hassen, dass ein Teil von mir immer noch hofft.
Ich bin eine erwachsene Frau.
Eigentlich bin ich taff.
Und heute sitze ich hier mit einem Glas Wein und verheulten Augen und fühle mich überhaupt nicht taff.
Ich habe so lange geweint, bis irgendwann nichts mehr kam.
Und danach war es fast schlimmer.
Weil nur noch diese Stille da war.
Und dein Satz.
„Wir sind doch längst darüber hinweg.“
Nein.
Ich nicht.
Ich bin nicht darüber hinweg.
Ich war es nie.
Ich habe meine Gefühle nur so gut versteckt, dass du irgendwann vielleicht wirklich geglaubt hast, sie wären nicht mehr da.
Vielleicht war ich einfach zu gut darin.
Vielleicht habe ich mein eigenes Herz kaputtgespielt, nur damit ich dich behalten kann.
Und wahrscheinlich werde ich morgen wieder genau das tun.
Ich werde aufstehen.
Mein Gesicht waschen.
Ich werde wieder irgendeinen Blödsinn erzählen.
Wenn du schreibst, werde ich antworten.
Wenn du mich brauchst, werde ich da sein.
Und du wirst vielleicht niemals erfahren, dass ich in dieser Nacht hier saß und um uns geweint habe.
Um ein uns, von dem ich inzwischen nicht einmal mehr weiß, ob es für dich jemals existiert hat.
Vielleicht werde ich diesen Brief niemals abschicken.
Wahrscheinlich nicht.
Denn was sollte ich damit erreichen?
Du kannst mich nicht lieben, nur weil ich dich liebe.
Und ich möchte nicht, dass du bei mir bleibst, weil du Mitleid hast.
Also werde ich wahrscheinlich schweigen.
Wieder.
Ich werde meine Gefühle zurück in diese Büchse legen.
Eins nach dem anderen.
Die Hoffnung.
Die Ringe im Schaufenster.
Die Filmabende.
Das gemeinsame Kochen.
Die Vorstellung von dir neben mir.
Die drei Kinder.
Den Hund.
Das Zuhause.
Dich.
Mich.
Uns.
Und ganz unten vielleicht auch noch diese verdammte Bordsteinkante.
Den Anfang von allem.
Deckel drauf.
Und vielleicht ist diesmal das Schlimmste daran, dass ich weiß:
Wenn ich diese Büchse wieder schließe, sperre ich nicht nur meine Gefühle darin ein.
Ich sperre eine ganze Zukunft darin ein, die niemals stattfinden wird.
Ich wünschte, ich wäre mutig genug zu gehen.
Wirklich.
Ich wünschte, ich könnte vor dir stehen und sagen:
Ich liebe dich. Aber ich kann das nicht mehr.
Ich wünschte, ich könnte mich danach umdrehen.
Nicht zurückschauen.
Mein Herz mitnehmen.
Und gehen.
Aber wahrscheinlich würde ich nach drei Schritten stehen bleiben.
Weil sieben Jahre hinter mir liegen.
Und du vor mir.
Und weil ich nicht weiß, welche Richtung mehr weh tut.
Bleiben bedeutet, dich irgendwann vielleicht mit jemand anderem glücklich zu sehen.
Gehen bedeutet, dich vielleicht gar nicht mehr zu sehen.
Und ich weiß nicht, welchen Verlust mein Herz besser überstehen würde.
Vielleicht bleibe ich deshalb.
Nicht weil es richtig ist.
Sonnern weil ich dich lieber auf eine Weise in meinem Leben habe, die mir weh tut, als überhaupt nicht.
Und dieser Satz tut mir fast am meisten weh.
Denn vielleicht bedeutet Liebe manchmal nicht, dass zwei Menschen sich bekommen.
Vielleicht bedeutet sie manchmal nur, dass einer bleibt und der andere irgendwann weitergeht.
Und derjenige, der bleibt, muss lernen, mit all den ungelebten Leben zu leben.
Vielleicht wirst du irgendwann glücklich sein.
Und ich hoffe es.
Vielleicht wirst du irgendwann morgens neben einer Frau aufwachen, die du liebst.
Eure Kinder werden durchs Haus laufen.
Der Hund wird irgendwo herumliegen.
Und du wirst dich vielleicht überhaupt nicht mehr daran erinnern, dass wir einmal vor einem Schaufenster standen und uns Ringe angesehen haben.
Aber ich werde mich erinnern.
Ich werde mich wahrscheinlich an viel zu viele Dinge erinnern.
Und vielleicht denke ich irgendwann, viele Jahre später, noch einmal an dich.
Nicht mehr weinend.
Vielleicht nur mit diesem kleinen Ziehen irgendwo tief in mir.
Und dann werde ich mich fragen, ob du jemals gewusst hast, wie sehr ich dich geliebt habe.
Ob du jemals verstanden hast, dass ich nicht geblieben bin, weil es mir egal war.
Sondern weil du mir viel zu viel bedeutet hast.
Vielleicht werde ich dann endlich über dich hinweg sein.
Vielleicht.
Aber heute bin ich es nicht.
Heute liebe ich dich noch.
Heute wünsche ich mir noch dieses unmögliche Leben mit dir.
Heute würde ich immer noch lieber neben dir auf irgendeinem langweiligen Sofa sitzen als irgendwo anders etwas Besonderes zu erleben.
Heute tut die Vorstellung noch weh, dass irgendwann eine andere Frau all die gewöhnlichen Dinge mit dir erleben darf, die für mich das größte Glück gewesen wären.
Und heute weiß ich nur:
Du hast gesagt:
„Wir sind doch längst darüber hinweg.“
Vielleicht warst du es wirklich.
Vielleicht war unsere Geschichte für dich längst zu Ende.
Und vielleicht ist genau das, was mein Herz heute endlich begreifen muss:
Während ich all die Jahre heimlich darauf gewartet habe, dass unsere Geschichte irgendwann beginnt, hast du längst geglaubt, sie wäre vorbei.
Und vielleicht werde ich irgendwann den Mut finden, zu gehen.
Nicht wütend.
Nicht weil ich dich hasse.
Sonnern ganz leise.
Vielleicht werde ich dich ein letztes Mal ansehen und versuchen, mir dein Gesicht einzuprägen.
Vielleicht werde ich dich noch einmal umarmen.
Ein bisschen länger als sonst.
Und du wirst wahrscheinlich gar nicht wissen, warum.
Vielleicht sage ich einfach:
„Pass auf dich auf.“
Obwohl ich eigentlich sagen möchte:
Danke für sieben Jahre.
Danke für all die kleinen Momente.
Danke für all die Erinnerungen.
Danke sogar für diese verdammte Bordsteinkante, weil dort irgendwie alles angefangen hat.
Es tut mir leid, dass mein Herz aus uns mehr gemacht hat, als wir sein konnten.
Und es tut mir leid, dass ich dich verlassen muss, obwohl alles in mir eigentlich bleiben möchte.
Dann werde ich mich umdrehen.
Und vielleicht wirst du mir nicht hinterherlaufen.
Vielleicht ist genau davor meine größte Angst.
Dass ich gehe …
und du mich einfach gehen lässt.
Und dann werde ich endlich wissen, dass ich all die Jahre vor genau dieser Wahrheit davongelaufen bin.
Dass ich für dich ein wichtiger Mensch gewesen sein kann.
Vielleicht sogar ein sehr wichtiger.
Aber niemals der Mensch, der ich für dich sein wollte.
Und vielleicht ist das die traurigste Wahrheit über manche Liebesgeschichten:
Sie enden nicht daran, dass die Liebe aufhört.
Sie enden daran, dass sie nur in einem Herzen weiterlebt.
Wenn Worte Herzen morden, dann war deiner vielleicht nur ein Satz.
Fünf Sekunden.
Ein kurzer Moment in einem Auto.
Aber für mich waren es sieben Jahre, die plötzlich in einem anderen Licht standen.
Und du wirst vielleicht niemals wissen, dass du mir in diesem Moment das Herz gebrochen hast.
Nicht weil du grausam warst.
Sondern weil du etwas ausgesprochen hast, das ich selbst nie aussprechen wollte:
Du bist längst darüber hinweg.
Und ich stehe immer noch dort.
Vor den Scherben der letzten Jahre.
Und irgendwo denke ich mir immer noch:
Auch Scherben können blühen.
Vielleicht muss ich das irgendwann glauben.
Vielleicht muss aus all dem irgendwann etwas wachsen, das nichts mehr mit dir zu tun hat.
Aber heute kann ich das noch nicht.
Heute stehe ich noch neben dir.
Schaue auf diese Ringe.
Denke an unser erstes Date.
An den Wein.
An diese Bordsteinkante.
An das Mädchen, das dich damals unbedingt beeindrucken wollte.
Und ich wünschte, ich könnte zu ihr zurückgehen.
Nicht um sie aufzuhalten.
Nur um sie für einen Moment in den Arm zu nehmen.
Und ihr zu sagen:
Genieß ihn.
Genieß jeden einzelnen Moment.
Denn irgendwann wirst du diesen Mann immer noch lieben –
aber du wirst lernen müssen, wie man sich von einem Menschen verabschiedet, den man eigentlich niemals verlieren wollte.
Und dann verabschiede ich mich ganz langsam von einem Leben mit dir,
das ich niemals hatte –
aber trotzdem für immer vermissen werde.
Das könnte Sie auch interessieren