Hinter dem Bahndamm
Ein Gedicht von
Lewin Dunkel
Hinter dem Bahndamm
(Vom Schweigen der alten Gleise)
Hinter dem Bahndamm begann ein schmaler Pfad, der auf keiner Karte verzeichnet war. Zwischen Disteln, Holunderbüschen und verwittertem Gras verlief er parallel zu den alten Gleisen, als begleite er sie auf ihrem langen Weg durch die Zeit. Wer hier entlangging, hörte keine Züge mehr. Nur der Wind strich über den Schotter und fuhr mit leiser Hand durch das trockene Schilf.
Die Schienen lagen noch immer dort, rostig und dunkel, von Jahren des Wartens gezeichnet. An manchen Stellen hatten Moose die Schwellen erobert. Zwischen den Steinen wuchsen Gräser, als wollten sie die letzten Spuren des Verkehrs bedecken. Die Strecke schien vergessen, doch sie trug noch den Ausdruck einer Aufgabe, die sie einst erfüllt hatte.
Der Pfad führte an ihr entlang, Schritt für Schritt. Hinter dem Bahndamm verschwand das Dorf. Die Häuser, die Gärten und Stimmen blieben zurück. Vor mir lagen nur die stillen Gleise und das weite Land. Krähen saßen auf den alten Signalmasten, deren Farben verblichen waren. Sie wirkten wie Wächter einer vergangenen Zeit.
Manchmal glaubte ich, etwas zu hören. Kein Geräusch der Gegenwart, sondern eine Erinnerung, die aus dem Eisen selbst aufstieg. Das ferne Rollen von Rädern, das kurze Pfeifen einer Lokomotive, das Klirren der Schienen in kalten Morgenstunden. Doch sobald ich stehen blieb, war da nur wieder die Stille.
Der Himmel zog sich langsam mit Wolken zu. Über den Feldern lag das matte Licht des Nachmittags. Die Gleise führten in die Ferne, bis sie hinter einer Baumreihe verschwanden. Niemand wusste, wohin die letzten Fahrten gegangen waren. Niemand schien darauf zu warten, dass ein Zug zurückkehrte.
Als ich den Bahndamm verließ, blickte ich noch einmal zurück. Die rostigen Schienen verloren sich zwischen Disteln und Gras. Der Pfad daneben war kaum mehr als eine schmale Spur. Und doch schien es, als bewahrten beide etwas, das nicht ganz vergangen war: die Erinnerung an Bewegung, an Ankünfte und Abschiede, die längst verstummt waren. Im Schweigen der alten Gleise klang noch immer ein fernes Echo der Zeit.
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