Der überwachsene Pfad

Ein Gedicht von Lewin Dunkel
Der überwachsene Pfad
(Von Spuren unter Gras und Zeit)

Der Pfad begann hinter den letzten Gärten des Dorfes, dort, wo die geordneten Wege endeten und das freie Land begann. Früher führte er zwischen Wiesen und Feldern hindurch, schmal, aber deutlich sichtbar. Heute musste man ihn suchen.

Gras wuchs über die alten Spuren hinweg. Wo einst Erde sichtbar gewesen war, standen Halme dicht beieinander und neigten sich im Wind. Brombeerranken griffen von den Wegrändern aus nach der Mitte, als wollten sie die letzten Erinnerungen festhalten und zugleich verbergen. Jahr für Jahr hatte die Natur ein wenig mehr von dem zurückgenommen, was die Menschen ihr einst abgerungen hatten.

Dennoch war der Pfad nicht verschwunden. Er lag unter den Pflanzen verborgen wie eine vergessene Zeile in einem alten Buch. Wer aufmerksam blickte, erkannte noch seinen Verlauf. Eine leichte Vertiefung im Boden, eine Lücke im Dickicht, ein schmaler Streifen zwischen den Sträuchern erzählten davon, dass hier einmal gegangen wurde.

Ich folgte ihm langsam. Die Brombeeren streiften meine Ärmel, und trockene Gräser raschelten um meine Schritte. Über mir zog das Licht eines späten Nachmittags durch die Zweige. Kein Schild trug einen Namen, keine Karte erwähnte diesen Weg. Er gehörte niemandem mehr und vielleicht gerade deshalb der Landschaft selbst.

An manchen Stellen schien der Pfad beinahe zu enden. Das Grün schloss sich vor ihm wie eine Tür. Doch wenige Schritte weiter erschien er wieder, als wolle er zeigen, dass Vergessen und Verschwinden nicht dasselbe sind. Was lange unbeachtet bleibt, lebt oft weiter, verborgen unter den Schichten der Zeit.

Als ich das Ende der Wiese erreichte, blickte ich zurück. Der überwachsene Pfad war kaum noch zu erkennen. Die Pflanzen hatten ihn fast vollständig umarmt. Und doch schien etwas von ihm geblieben zu sein: die Richtung, die Erinnerung und die stille Beharrlichkeit alter Wege, die nicht mehr gesucht werden und dennoch darauf warten, gefunden zu werden.

Informationen zum Gedicht: Der überwachsene Pfad

02.11.2026
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