Der Schein ins Glück

Ein Gedicht von Gudrun Nagel-Wiemer
Das Geld ist uns stets durch die Hände geronnen,
wir haben nie was geerbt und nie was gewonnen.
Mein Mann hat geschuftet, es reichte zum Leben,
dass bisschen, was wir hatten, wurde ausgegeben.

Da bat mich Frau, Müller, ganz oben, im Haus,
füllen se doch bitte mal meinen Lottoschein aus.
Ich sah ihre Verzweiflung, sie war sichtlich bewegt,
denn sie hatte mal wieder ihre Brille verlegt.

Gut, sagte ich, kreuzte unsere Geburtstage an,
weil ich mir die Zahlen gut merken kann.
Den Schein habe ich ihr nach oben gebracht
und auch zunächst nicht mehr daran gedacht.

Samstagabend, ich lag auf dem Canapé,
da überraschte mich plötzlich die Lottofee.
„Genau meine Zahlen“, rief ich laut aus,
sprang gleich vom Sofa und lief durch das Haus.

Die Müller konnte ihr Glück gar nicht fassen
und hat sich natürlich nicht lumpen lassen.
Ich brauchte nicht betteln, bitten oder feilen,
sie wollte den Gewinn gerecht mit mir teilen.

Mein Gatte, der sagte, jetzt sind wir betucht,
und hat auch sofort eine Kreuzfahrt gebucht.
Ich kaufte mir neue Garderobe für die Reise,
nur Markenklamotten, - ihr kennt ja die Preise.

Na, das wird vielleicht ein Erlebnis an Bord,
da möchte man sicher gar nicht mehr fort.
Nun muss sich mein Holder auch mal benehmen,
ich will mich ja schließlich nicht mit ihm schämen.

Wenn wir am Käptens-Tisch Hummer essen,
werde ich mich ins "kleine Schwarze" pressen.
Kalle trägt sein Hemd mit dem sitzen Kragen,
das hat er, schon damals, zur Hochzeit getragen.

Wir werden jetzt üben, ganz vornehm zu speisen,
nun gehören wir ja auch zu den vornehmen Kreisen.
Danke, Frau Müller, wir sind ihnen verbunden.
Ich hoffe, sie haben ihre Brille inzwischen gefunden.

Informationen zum Gedicht: Der Schein ins Glück

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25.02.2026
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