Am alten Feldweg

Ein Gedicht von Lewin Dunkel
Am alten Feldweg
(Von Wegen, die niemand mehr sucht)

Über den abgeernteten Feldern lag das blaue Licht des Abends. Der Himmel war weit geworden, und der Wind strich durch die kahlen Weiden am Rand des Weges. Zwischen den Fahrspuren stand das letzte Gras des Jahres. Niemand schien hier vorbeizukommen. Nur die Krähen kannten noch die Richtung des alten Feldwegs.

Ich blieb stehen und blickte hinüber zu den fernen Baumreihen, die im Dunst verschwammen. Der Weg führte dorthin, wie er es immer getan hatte, und doch wirkte er verlassen. Die Erde trug noch die Spuren vergangener Jahreszeiten, verwehte Abdrücke von Rädern und Schritten, die längst niemandem mehr gehörten.

Eine Stille lag über den Feldern, die nicht leer war. Sie bewahrte Stimmen, Lachen, Gespräche und Arbeitstage, die vergangen waren. Der Weg hatte sie aufgenommen und nie ganz verloren. Vielleicht war das der Grund, weshalb er trotz seiner Einsamkeit nicht verlassen wirkte. Etwas blieb zurück, auch wenn niemand mehr davon sprach.

Langsam sank die Sonne hinter den Horizont. Der Nebel begann aus den Senken aufzusteigen und legte sich über die Erde wie ein dünner Schleier. Die Farben wurden blasser, die Konturen weicher. Nur der Weg blieb sichtbar, ein heller Streifen zwischen den dunkler werdenden Feldern.

Ich ging ein Stück weiter. Mit jedem Schritt wurde das Dorf hinter mir kleiner, bis nichts mehr zu hören war als der Wind und das ferne Rufen einer Krähe. Vor mir lag der Weg, still und unbeachtet, als warte er auf jemanden, der sich noch an ihn erinnerte.

Als die Dämmerung kam, drehte ich mich noch einmal um. Der Feldweg verlor sich im Abendlicht, zwischen Erde und Himmel, zwischen Erinnerung und Gegenwart. Und für einen Augenblick schien es, als führten seine Spuren nicht durch die Landschaft, sondern durch die Zeit selbst.

Informationen zum Gedicht: Am alten Feldweg

02.11.2026
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