Sie haben gelacht.
Damals war ich noch ein Kind,
Grundschule, kleine Hände,
eine Welt, die viel zu groß war
und Fragen,
auf die uns niemand eine Antwort gab.
Wir sahen ein Mädchen.
Dunkle Kleidung,
ein trauriger Blick,
Spuren an ihrem Arm.
Und wir haben gelacht.
„Wie kann man nur?“
„Warum macht sie das?“
„Ist sie krank?“
Wir wussten es nicht.
Keiner sagte uns,
dass hinter solchen Spuren
ein Mensch stehen kann,
der nicht weiß,
wohin mit seinem Schmerz.
Keiner sagte uns,
dass Schmerz nicht immer laut ist.
Dass Mobbing Spuren hinterlassen kann.
Dass Probleme zu Hause,
Druck in der Schule,
Einsamkeit und Angst
Menschen verändern können.
Wir waren Kinder.
Und vielleicht hätten wir
jemanden gebraucht,
der uns erklärt,
dass man über solche Dinge sprechen muss.
Heute weiß ich es.
Denn irgendwann
war ich nicht mehr nur die,
die zugesehen hat.
Ich wurde selbst zum Ziel.
Ich war bunt.
Bunte Kleidung,
bunte Farben,
ein Lächeln im Gesicht.
Ich sagte jedem Hallo,
gab Menschen eine Chance,
selbst wenn sie mir keine gaben.
Ich dachte,
Farben machen die Welt schöner.
Für mich waren sie Freude.
Für andere
waren sie ein Grund,
mich auszulachen.
Sie beleidigten mich.
Sie stießen mich weg.
Sie machten mich klein.
Und ich fragte mich:
Bin ich schuld?
Bin ich das Problem?
Habe ich etwas falsch gemacht?
Diese Fragen
waren in der fünften und sechsten Klasse
immer wieder da.
Ich fehlte in der Schule.
Nicht, weil ich nicht wollte,
sondern weil manchmal
alles zu viel war.
Und irgendwann
wurden die Farben weniger.
Aus bunt wurde schwarz.
Meine Haare wurden schwarz.
Meine Kleidung wurde schwarz.
Meine Welt wurde dunkler.
Ich schämte mich.
Für mich.
Für meinen Schmerz.
Für Dinge,
über die ich damals
mit niemandem sprechen konnte.
Es gab eine Zeit,
da fühlte sich alles
wie ein tiefes Loch an.
Doch irgendwo darin
war ein Ast.
Klein.
Zerbrechlich.
Aber da.
Und ich hielt mich fest.
Ich stellte mich auf diesen Ast
und sah nach oben.
Der Weg war weit.
Aber nicht unerreichbar.
Die Farben kamen zurück.
Nicht alle auf einmal.
Aber Stück für Stück.
Ich habe Menschen verloren,
die mir nicht gutgetan haben.
Und ich habe Menschen gefunden,
die mir guttun.
Menschen,
die mich auffangen wollen,
auch wenn ich ihre Hände
nicht immer greifen kann.
Ich habe gelernt,
über manches zu sprechen.
Ich habe gelernt,
Hilfe anzunehmen.
Ich habe gelernt,
dass ich nicht jeden Schmerz
alleine tragen muss.
Aber das bedeutet nicht,
dass alles vorbei ist.
Denn sie hören nicht auf.
Die Sprüche sind noch da.
Die Blicke.
Die Beleidigungen.
Das Auslachen.
Manchmal sind es nur Worte
für andere.
Für mich sind es mehr als nur Worte.
Denn Worte verschwinden nicht immer,
nur weil sie ausgesprochen wurden.
Manche bleiben.
Sie setzen sich fest.
In Gedanken.
In Erinnerungen.
In der Art,
wie ich mich selbst sehe.
Und manchmal
wird aus ihrer Wut
meine eigene.
Manchmal bin ich selbst
wütend auf mich.
Manchmal frage ich mich wieder:
Was stimmt nicht mit mir?
Warum bin ich so?
Warum reicht es nicht,
so zu sein, wie ich bin?
Und dann merke ich,
dass ihre Worte
noch immer in meinem Kopf
weiterleben können,
selbst wenn sie längst
nicht mehr neben mir stehen.
Ich bin wieder bunt.
Aber das heißt nicht,
dass die Dunkelheit verschwunden ist.
Meine Kleidung kann bunt sein
und meine Gedanken trotzdem schwer.
Ich kann lachen
und gleichzeitig kämpfen.
Ich kann „Hallo“ sagen
und trotzdem nicht wissen,
wie ich mit mir selbst
zurechtkommen soll.
Ich kann sagen: alles gut und es doch nicht so mein.
Meine Vergangenheit
ist nicht einfach vorbei.
Sie läuft manchmal
neben mir her.
Und die neuen Beleidigungen
legen manchmal noch etwas
auf alte Wunden.
Sie hinterlassen Spuren.
Nicht nur dort,
wo man sie sehen kann.
Sondern auch dort,
wo niemand hinsieht.
In meinem Kopf.
In meinem Herzen.
In dem Bild,
das ich von mir selbst habe.
Ich wünschte,
ich könnte sagen,
dass ich heute immer weiß,
dass all das nicht meine Schuld ist.
Aber das wäre gelogen.
Manchmal glaube ich es noch.
Manchmal zweifle ich.
Manchmal bin ich wütend
auf die Menschen,
die mir wehgetan haben.
Und manchmal
ist diese Wut
gegen mich selbst gerichtet.
Doch irgendwo
ist noch dieser Ast.
Der, an dem ich mich damals
festgehalten habe.
Ich sehe ihn noch.
Und auch wenn ich manchmal
wieder abrutsche,
weiß ich inzwischen:
Ich kann mich festhalten.
Ich muss nicht alles
auf einmal schaffen.
Ich darf fallen.
Ich darf weinen.
Ich darf müde sein.
Und ich darf trotzdem
wieder nach oben sehen.
Ich bin noch nicht am Ende
dieser Geschichte.
Vielleicht werde ich es
auch nie so nennen können.
Denn sie schreiben noch immer
neue Zeilen hinein.
Mit Sprüchen.
Mit Blicken.
Mit Worten,
die mehr verletzen,
als andere verstehen.
Aber diesmal
schreibe ich selbst mit.
Ich entscheide,
was aus den nächsten Seiten wird.
Nicht die Menschen,
die gelacht haben.
Nicht die Menschen,
die mich beleidigen.
Nicht ihre Worte.
Ich.
Auch wenn ich mich
manchmal selbst noch nicht
so sehen kann.
Sie haben gelacht.
Ich habe gelitten.
Ich kämpfe noch immer.
Aber ich bin noch hier.
Und vielleicht ist genau das
die wichtigste Zeile
meiner Geschichte.
Sie haben gelacht.
Ich bin geblieben.