Silvester ist schuld.
Oh. Hallo Schicksal.
Da bist du ja mal wieder.
Hab ich ja schon geahnt. Habs an Silvester mit Blei gegossen.
Kein Alarm auf dem Radar. Kein Gewitter im Bericht.
Einfach blauer Himmel – und dann bricht das Licht.
[KAWUSCH]
Meine Welt steht erst still.
Und dann fliegt mir das komplette Getriebe um die Ohren.
Kolbenfresser im Nervensystem, kapitaler Motorschaden mitten in der Brust.
Es reißt den Boden unter den Füßen weg, reißt alle Kabel raus.
Der Schmerz klinkt dem Verstand einfach die Sicherung aus. Zack. Dunkel.
Die Realität? Schaltet um auf nackten Error.
Und der Kurzschluss dieser brutalen Implosion spuckt mich aus.
Rausgeschleudert.
Aber ich lande nicht im Weltall. Ich lande in einem völlig leeren Land.
Im Niemandsland. In Leerstadt. In Nichtshausen.
Wo bitteschön liegt eigentlich dieses Nichtshausen?
Ich war da. Aber ich weiß bis heute nicht, wo es ist. Es gibt keine Wegbeschreibung.
Kein Navi hat diese Koordinaten, kein Schild zeigt den Weg zurück.
Nichtshausen liegt genau da, wo die Realität den Dienst quittiert.
Es grenzt im Norden an die totale Taubheit und im Süden an das nackte Schweigen.
Ein Ort, an dem es so ohrenbetäubend still ist, dass man die Flöhe husten hören kann.
Vielleicht war es auch der Kilimandscharo. Ein riesiger Berg direkt vor meiner Nase.
Aber ich konnte ihn verdammt noch mal nicht sehen.
Weil da einfach zu viel Dunst war.
Wie in der Küche. Wenn mein Mann Nudeln kocht und vergisst, die Dunstabzugshaube anzustellen.
Und während ich da so stehe, mitten auf dem Marktplatz von Nichtshausen, ohnmächtig und betäubt, macht mein Gehirn das Absurdeste überhaupt: Es schaltet das Radio an.
Ein Song in Dauerschleife. Irgendwas mit... an der lala... Kuba kabaaaana... Copacabana...
Heiliger Herr Gesangsverein. Die Welt geht unter und in meinem Kopf läuft Urlaubs-Schlager.
Ich bin komplett isoliert.
Ich parke am Friedhof.
Nicht zum Heulen. Ich brauche ein Fundament.
Da steht dieser tonnenschwere Engel aus Stein.
Bewegt sich nicht. Jammert nicht. Atmet einfach die Stille weg, während um ihn herum die Welt abfackelt.Meine Welt.
Stirbt ja auch keiner. Nur was in mir.
Musste manchmal echt lachen da im Auto. Galgenhumor am Gräberfeld.
Aber ich ziehe mir diese eiskalte, steinerne Wucht tief in die Lungen.
Wenn alles zerbricht, werde ich eben selbst zu Marmor.
Und dann fange ich an auszumisten. Emotionaler Sperrmüll.
Erst fliegt der Ballast aus dem Kleiderschrank. Dann die mürben Gefühle aus der Seele.
Ich wusste, ich komm da wieder raus. Das Vertrauen war da.
Aber die Zukunft? Komplett verschwommen. Kein Zeitfenster. Gar nix.
Du hockst da wie am Bahnhof und wartest auf den Zug, der Verspätung hat.
Unbestimmte Verspätung.
Keine Ansage, kein Fahrplan, die Deutsche Bahn der Gefühle halt.
Kann dir auch mal wieder niemand sagen, wie lang das dauert.
Zum Glück fahr ich im echten Leben Auto.
Wer selbst lenkt, muss nicht auf die Ankunft warten.
Ich gab mir den Raum. Erlaubte mir das Nichts.
Kein Filter, keine Leistung, kein Schein des Scheinwerferlichts.
Unproduktiv. Unkreativ. Einfach offline gestellt.
An manchen Tagen war mein größter Triumph auf dieser Welt,
dass die Bürste durch die Haare glitt.
Ein kleiner Sieg im großen, lautlosen Krieg, den ich erlitt.
Ich habe mich ausgehalten. Und Gott, das war schwer.
Die Verzweiflung biss real um sich her.
Existenzangst frisst Seele, egal was sie sagen,
du musst diesen nackten Horror alleine tragen.
Ich liebe Wörter.So sehr.
Könnte man sein Heim mit Wörtern tapezieren – ich würde es tun.
Doch ich konnte nicht. Lange nicht.
Da war kein einziger Buchstabe mehr in mir.
Da waren nur rohe, rauhe Wände, auf die ich stundenlang starrte.
Und starrte.
Und starrte.
Wie der Bucklige aus seinem Turm.
Und zack – da schaltet sich in meinem Kopf plötzlich der Torsten Sträter des hessischen Volkes ein und kommentiert das nackte Elend:
Ei des ist doch de Bucklische. Buckeldibuck.
Ein Häufche Elend in de Eck, das stumm die Wand angafft.
Merkt ja keiner. Iss ja sonst keiner da in Leerstadt.
[SWITCH]
Sitze hier.
Liebes Tagebuch...
Während ich hier so hocke, komplett offline, völlig irre,
stellt sich mir plötzlich nur diese eine, existenzielle Frage:
Warum zur Hölle ist eigentlich diese Hortensie grün?!
Die hat mir mein Sohn zum Muttertag geschenkt!
Schneeweiß war sie! Ein Traum in Weiß!
Jetzt? Moosgrün!
Ich hab sie doch gegossen, gepflegt, so gut ich konnte!
Botanischer Totalausfall mitten in der Krise!
Eigentlich ist das Grün der Hortensienköpfe ganz okay.
Ich glaube, sie tarnen sich halt nur als Blatt.
Sieht friedlich aus. Macht Sinn.
Passt irgendwie zu mir.
Genau in dem Moment geht das Radio wieder an.
Die Copacabana schaltet ab.
Aus den Lautsprechern der inneren Realität scheppert es:
*Verdammt lang her... verdammt lang...*
Keine Ahnung, wie lange genau.
Wochen? Monate? Jahre?
Das Zeitgefühl stirbt zuerst in Leerstadt.
Aber der Song zieht den Karren aus dem Dreck. Und plötzlich sind sie wieder da:
Ideen, Bilder, Wörter.Schreibwut.
Ich habe die Bude komplett leergeräumt.
Wände grau gestrichen.
Nein, ehrlich gesagt war das mein Mann mit dem Streichen.
Das alles nicht aus Langeweile, sondern weil mein Kopf den Platz braucht.
Platz zum Denken, zum Atmen, zum Spinnen.
Tür auf, Terrassenluft.
Morgens, wenn alles noch schläft.
Ich bin wieder zu Hause in meinem eigenen Körper.
Ich schicke mich jetzt regelmäßig in die Inspektion.
Hätte ich schon vor Ewigkeiten tun müssen, aber ich habe den Fehler gemacht, einfach drüberzustehen. Gefühlt lief der Motor ja noch. Direkt TÜV gemacht, Inspektion diesmal ausgelassen.
Die Quittung kam prompt.
Eine Garantie, dass der nächste Totalschaden ausbleibt, unterschreibt mir kein Arzt.
Es ist ja vorher auch schon schiefgegangen.
Ich kenne den Film. Das hier ist kein Zaubertrank, es ist nur Schadensbegrenzung.
Aber scheiß drauf: Ich schreibe wieder. Ich denke wieder. Ich fühle wieder. Ich liebe wieder.
Und versuchen will ich es wieder.
Das Ding mit dem Leben.
Immer wieder.
Die Gefahr kenne ich.
Sie ist mir durchaus bewusst.
Und das könnte die Waffe gegen die Gefahr sein.
Vorsicht! Gefahr in Gefahr.
Ha Ha, das gefällt mir.
Und heute?
Heute stehe ich auf meiner Terrasse, halte diesen Moment fast wie einen Schatz.
Eigentlich stört mich nur unser Rasenmähermann, der hier gerade seine Kreise zieht.
Perfekt wäre auch zu langweilig.
Und nicht ehrlich.
Ich baue mich Tag für Tag… einfach weiter.
Pocahontas Kowalski